Wehrdienstverweigerung
Seit 1962 gilt in der DDR die allgemeine Wehrpflicht. Seit 1964 kann man aus religiösen Gründen den Umgang mit der Waffe als Soldat ablehnen. Sogenannte Bausoldaten müssen Repressalien in Kauf nehmen.
Moderatorin:
„Einberufung zur
1. Wehrdienstverweigerer:
„Also, warum verweigere ich. Im Grunde genommen aus Überzeugung, die aus Überlegung entstanden ist. Eine instinktive Abneigung gegen Uniform oder gegen Befehlsgewalt, Befehlsnotstand, alles das hat wohl nicht jeder, aber viele. Und trotzdem gehen unwahrscheinlich viele zur Armee, aus verschiedensten Gründen natürlich.
Bei mir ist das irgendwo so, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass ich irgendwann dann nach einer gewissen Zeit, wenn ich dort bin, Mitglied von einer Maschine bin, mit der man alles machen kann, dass ich dann dort ein Element bin, das im Grunde genommen keinen Einfluss mehr hat. Denn mir kann keiner erzählen, dass er dann nach einer gewissen Zeit Wehrdienst, wo er dann eben anfängt – was weiß ich –, die kleinen Bequemlichkeiten zu schätzen und alles, dass er dann noch genauso wie draußen, wenn er nicht mehr bei der Armee ist, bereit ist, noch einen eigenen Willen zu bekunden, noch aktiv zu sein, wenn es darum geht, irgendetwas zu machen, jetzt irgendwo seine Ideale durchzusetzen.
Vielleicht als Beispiel Polen. In Polen ist auch die Armee auf die Arbeiter losgegangen. So naiv, wie das klingt oder so: Da waren bestimmt eine Menge Soldaten dabei, die sich das vorher nie hätten denken können, dass sie so etwas jemals machen. Und trotzdem haben sie es gemacht. Und ich bin sicher, dass es hier genauso nachvollziehbar wäre. Und die Vorstellung alleine, dass mir so was passieren könnte, das erschreckt mich dermaßen, dass ich sage, das ist nichts für mich.“
2. Wehrdienstverweigerer:
„Also, ich habe zum Beispiel unheimliche Beklemmungen, wenn ich diese ganze Sachen sehe, wie es überhaupt abläuft, diese ganzen Funktionen, dieser Durchlauf innerhalb der Armee und so weiter und so fort.
Grundlegend ist für mich, dass mich das rein menschlich total abstößt, mir eine wahnsinnige Angst irgendwo macht, wenn ich weiß, ich muss dann irgendwas tun, wo ich eigentlich überhaupt keinen Bezug dazu habe. Also, das heißt zum Beispiel für irgendetwas üben, üben, um jemanden abzuschießen, ganz einfach mal gesagt. Natürlich ist jetzt die Konsequenz, also für mich – genauso wie bei dir, wie du es sagst –, dieses Verweigern. Eigentlich weiß ich, dass ich durch die Verweigerung gar nicht viel an dem eigentlichen Problem geändert habe. Ich würde zu den
Was die Bausoldaten betrifft, glaube ich, dass viele Bausoldaten nicht zu den Bausoldaten gehen würden, wenn es einen sozialen, also wie man so schön sagt, sozialen Friedensdienst oder Wehrdienst gäbe, in Anführungsstrichen. Das heißt, wenn man in Krankenhäusern arbeiten gehen kann und so weiter. Ich glaube, dass ich mich dafür auch … also das heißt, dafür würde ich mich auch einsetzen. Dafür würde ich auch arbeiten. Es soll vorgekommen sein, dass verschiedene Leute das auch geäußert haben und in dem Sinne auch länger dienen würden oder wollen.
Was ich eigentlich viel schlimmer finde: dass man versucht, die ganze Sache so abzutun als kriminell. Ich sehe es mal so: Es hat für mich einen ethischen Wert, die Sache abzulehnen, und bekomme eigentlich dafür eine Bestrafung. Ich werde dafür zum Kriminellen gemacht. Das ist für mich unvereinbar. Und darauf basiert im Prinzip eigentlich auch mein Antrag auf Ausreise.“
Foto: 7. Friedenswerkstatt 1988, Stand des
Produktion: 05.1988
Spieldauer: 6 Min.
hrsg. von: Radio Glasnost