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Ich selber war fast ohne Unterbrechung in der
Es riefen uns viele an und erzählten uns, was sie an dieser oder jener Straßenkreuzung beobachtet haben. Da ist ein Lkw voll beladen worden mit Menschen, die mit unbekanntem Ziel abtransportiert wurden. Und wir haben immer nur gefragt: Habt ihr jemand erkannt? Hat euch jemand noch seinen Namen genannt? Wie viel waren es ungefähr? Wann genau die Zeit? Und haben versucht, das zu protokollieren. Dadurch konnten wir zu einem relativ frühen Zeitpunkt abschätzen, wie viel an dem Abend verhaftet – die
Später stellte sich heraus, dass wir mit unseren Schätzungen gar nicht so falsch lagen. Am nächsten Tag dann wurden die Ersten wieder aus diesen Zuführungspunkten, so hieß das, entlassen und hatten zum Teil ganz furchtbare Dinge erlebt. Als sie überlegten, wo gehe ich denn jetzt hin, gingen sie nicht nach Hause. Sondern die kamen zu uns zum Kontakttelefon und wollten erzählen. Aber wenn da drei, vier Leute hintereinander erzählen wollen, dann schafft man das irgendwann nicht mehr, sodass ich mehr oder weniger als Notbehelf dem einen ein Stück Papier gegeben hab und einen Stift und gesagt hab: „Du, ich hab jetzt keine Zeit. Schreib das doch mal alles auf.“ Das habe ich bei noch jemandem gemacht. Und als wir dann diese Berichte gesehen haben, da fiel der Groschen und ich sagte: „Die müssen das alle aufschreiben, so frisch noch und nicht durch Erinnerungen, durch Erzählen verfälscht, also grad aus dem Erleben heraus aufschreiben.“ Das haben sie dann auch alle gemacht. Und wir haben auf diese Weise etwa 300 Gedächtnisprotokolle gesammelt von Leuten, die gerade noch dieses ganz frische Erleben auch des Misshandeltwerdens, des Zugeführtwerdens, die Angst der anderen noch in sich trugen und aufgeschrieben haben. Das waren wichtige Dokumente, die dann später noch einmal politisch sehr wichtig wurden, weil wir mit ihnen beweisen konnten, dass das eine Aktion war, die staatlicherseits angeordnet, geplant war und auch an mehreren Stellen der Stadt gleichzeitig losging. Das war wichtig, weil SED und Polizei später dann versucht hatten, das als einzelne Übergriffe, als Ausrutscher oder so etwas darzustellen. Wir konnten das Gegenteil beweisen.
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Spieldauer: 4 Min.
hrsg. von: Robert-Havemann-Gesellschaft
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