Inhalt
Interviewer:
„Kannst du kurz schildern, aus welchen Gründen du damals verhaftet wurdest und wie es zu deiner Ausbürgerung kam?“
„Zwei Anlässe: Einmal hatte ich seit 1974 das Verbot, in staatlichen Einrichtungen zu lesen. Veröffentlicht hat man auch nichts mehr. Ich habe also seit ungefähr 1971/72 Gedichte, kürzere Prosa in DDR-Verlagen gemacht. Der Grund war, man warf mir vor, staatsfeindliche Themen aufgegriffen zu haben. Ich habe über den Kasernenhof etwas geschrieben, kurze Prosa. Ich habe mich beschäftigt mit den Themen Geheimdienst,
Wenige Tage später wurde ich verhaftet.
Interviewer:
„Du hast über deine Haftzeit damals ein Buch geschrieben: „Die Vernehmungsprotokolle“. Über deine erzwungene Ausreise schreibst du darin: „Wie groß muss eine Demütigung sein, von der man sich nicht mehr erholt. Hast du dich denn je von dieser Demütigung erholt?“
„Das, was du zitierst, finde ich eine ganz wichtige Frage. Diese Art der Behandlung, fast ein Jahr Untersuchungshaft, sehr viele Verhöre, monatelang fast täglich mehrere Stunden, auch wenn man nichts sagte – und ich sagte lange nichts –, diese Art des hohen psychischen Drucks, auch das Anwenden von seelischen Schmerzen, die man zufügte: das ist durchaus in den Bereich von psychischer Folter und Folterabsichten zu stellen. Das macht einem ganz schön zu schaffen. Und das ist insgesamt eine Demütigung, wenn das noch dazu damit endet, dass man das Land verlassen muss oder in eine Situation gebracht wird, wo gesagt wird, entweder du bleibst drin oder nach dem Westen in wenigen Tagen und dann nicht mehr zurück. Das ist etwas … man kann nicht mehr reisen. Und dieses würde ich doch als Demütigung ansehen, als Kränkung auch. Der Lebensentwurf, das, was man sich vorgestellt hatte, wird erst mal schroff unterbrochen, und ein fremder Wille wird dir aufgeprägt. Und davon erholt man sich schwer. Ich habe mich davon erholt, weil ich als Autor weiterarbeiten konnte. Mir ist etwas eingefallen. Ich habe geschrieben, das kann man nachlesen, habe einige Bücher veröffentlicht. Und insofern wäre meine Antwort – auch wenn ich zurückblicke auf diese Zeit –, keine Kompromisse zu machen als Künstler, als Schriftsteller in allen wesentlichen Fragen, also Wahl des Themas, was man wie beschreiben will, was man wann mit wem spricht und wo veröffentlicht. Keine Kompromisse auf diesem Gebiet zu machen hat sich gelohnt, glaube ich, weil, ich konnte weiterschreiben. Es gibt aber einen Preis, und der Preis ist bekannt.“
Interviewer:
„Gibt es für dich noch so etwas wie eine offene Rechnung mit der Regierung drüben?“
„Rechnung, Preis ist eine andere Seite. Ich bin ja damit auch ein politischer Mensch. Habe mich dazu auch immer bekannt oder gesagt: Ja, ich habe auch politische Überzeugungen oder Meinungen, oder ich bin für demokratische
Interviewer:
„Wann hattest du denn hier in West-Berlin das Gefühl, nicht mehr der DDR-
Jürgen Fuchs:
„Wenn ich biografisch darauf antworte, heißt es, ich werde immer mit dem verbunden sein, was auch Jena oder Ost-Berlin heißt, oder auch mit den Themen, die ich aufgreife, was ich dort erfahren habe als Teil meines Lebens. Dort will ich nicht weg, und dort möchte ich nicht raus. Ich möchte aber offen sein für neue Erfahrungen und sehen, welche anderen Lebensabschnitte es gibt. Also, ich betone ganz bewusst die Treue an dieser Stelle. Treue, sagen wir, zur eigenen Biografie. Und das Interessante, was hier bei uns eintrifft bei solchen wie uns, dass die kommen und dann sofort eine Briefmarke oder so einen Stempel aufgedrückt bekommen: Dissident. Wenn man drüben mit Havemann sprach oder befreundet war und der war dann im Radio der Regimekritiker, war das natürlich eine Entfremdung, genauso wie Dissident.
Und da ist auch ein Unterton, der heißt: Na ja, der klebt dann, wenn er hier ist, an den Themen drüben und wird immer nur über da sprechen. Und die haben dann ihre Themen, ihre Schubkästen. Na ja, das sind die, wie lange sprechen sie noch über da, wie lange haben sie noch ihre Macke sozusagen, und wann endlich haben sie das Neuland erreicht? Und ich denke, das ist auch wieder so eine Trennung, eine Schizophrenie. Das eine bewahren, das andere neu entdecken, offen sein und Verbindungen herstellen, also diese Schizophrenie, die real existiert, überwinden.“
Foto: Jürgen Fuchs 1983, Quelle: Bernd Markowsky/Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_BeMa-654d
Jürgen Fuchs (1950-1999) gehört zum engeren Freundeskreis von Robert Havemann. Zunächst wegen politischer Unzuverlässigkeit mit Studienverbot belegt, kann er dann doch Sozialpsychologie in Jena studieren. Seine Abschlussarbeit wird erst mit der Bestnote bewertet, doch dann abgelehnt. Er muss vor der Stasi aus Jena flüchten und zieht mit Frau und Kind auf das Grundstück der Havemanns nach Grünheide. Als Schriftsteller beschäftigt er sich kritisch mit dem Sozialismus. In der DDR darf er nicht veröffentlichen. Nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns wird er verhaftet und nach neun Monaten Untersuchungshaft im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen nach West-Berlin abgeschoben. Er stirbt 1999 an Leukämie. Der Verdacht, seine tödliche Krankheit könne auf radioaktive Bestrahlungen während der Untersuchungshaft zurückgeführt werden, wurde bis heute weder bestätigt noch entkräftet.
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Produktion: 08.1987
Spieldauer: 6 Min.
hrsg. von: Radio Glasnost
Lizenzhinweise
© Radio Glasnost, August 1987