Aktionen der DDR-Umwelt-Bewegung
Schwerin macht Schule. Die erste Baumpflanzaktion im September 1979 zieht Kreise. Immer mehr Menschen engagieren sich im Umweltschutz in der ganzen DDR.
Tote Bäume überall: In den staatlich gelenkten DDR-Medien spielt das Thema Umweltzerstörung keine Rolle. Doch die Umweltschäden sind nicht mehr zu
übersehen. Hier ein Plakat der unabhängigen Umweltbewegung zur Problematik des Waldsterbens in der DDR.
Umweltzerstörung bei Bitterfeld: Ein Abwasserkanal bahnt sich seinen Weg durch die Landschaft.
Keimzelle der unabhängigen Ökobewegung: Die 17-jährigen Schweriner Jugendlichen Olaf Nassner (nicht im Bild), Nikolaus Voss (Mitte) und Jörn
Mothes (r.) von der Evangelischen Schülerarbeit organisieren vom 16. bis 18. September 1979 ein kirchliches Jugendwochenende. Dabei pflanzen 50 Jugendliche circa 5.000 Bäume und Sträucher entlang einer Straßenbahnlinie. Die Baumpflanzaktion inspiriert zu ähnlichen Aktivitäten in anderen Städten.
Der 17-jährige Jörn Mothes (rechts) bei der ersten DDR-Baumpflanzaktion vom 16. bis 18. September 1979 in Schwerin.
Unser Schwerin soll grüner werden: 50 Jugendliche pflanzen vom 16. bis 18. September 1979 etwa 5.000 Sträucher und Bäume.
„Nicht nur Hunde brauchen Bäume“: Informationsheft zur 3. Baumpflanzaktion in Rostock (24. bis 26. Oktober 1980), herausgegeben von Nikolaus
Voss. Er gehört in Schwerin zu einer kirchlichen Jugendgruppe, von der 1979 eine der ersten Baumpflanzaktionen ausgeht.
Winterseminar zur Baumpflanzaktion in Schwerin zum Thema „Landwirtschaft – unsere Umwelt“, Versöhnungsgemeinde Lankow (11. bis 15. Februar
1981). Es handelt sich um das erste Ökologieseminar, das in der DDR stattfindet und Vorträge, Diskussionen und Exkursionen beinhaltet.
Karteikartenbroschüre der kirchlichen Umweltgruppen in der DDR, herausgegeben vom Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg (KFH) im November 1988. Das
KFH agiert als Informations- und Dokumentationszentrum der Umweltgruppen in der ganzen DDR. In dieser Broschüre sind etwa 60 Umweltgruppen mit ihren Adressen und thematischen Schwerpunkten registriert.
Am 4. Juli 1982 organisieren Jugendliche die erste Fahrraddemonstration durch die Ostberliner Innenstadt. Sie machen damit auf die fortschreitende
Umweltzerstörung und Luftverschmutzung in der DDR aufmerksam. Die mobile Demo beginnt im Bezirk Prenzlauer Berg und führt über Invalidenstraße, Chausseestraße, Friedrichstraße, Unter den Linden, Karl-Marx-Allee in den Friedrichshain. In den folgenden Jahren finden weitere Fahrraddemos in Berlin und anderen DDR-Städten statt.
Fahrraddemo gegen verpestete Luft (4. Juli 1982): Die Radler wollen auf die zunehmende Umweltzerstörung in den Städten der DDR aufmerksam machen und
binden sich auf der Straße Unter den Linden Tücher vor Mund und Nase.
Die Stasi radelt mit: Die Fahrraddemonstranten werden vom MfS observiert und fotografiert. Im Bild: der 25-jährige Tom Sello, der mit einer Gasmaske
auf die zunehmende Luftverschmutzung in der DDR aufmerksam macht.
Unter dem Motto „Friedensfahrt ohne Sieger“ organisieren Ostberliner Friedens- und Umweltaktivisten vom 13. bis 15. Mai 1983 mehrere Radtouren als
Gegenveranstaltung zur offiziellen 36. internationalen Friedensfahrt.
Gegen Schmutz und Gewalt: Am 15. Mai führt die Radtour am Truppenübungsplatz der Sowjetarmee in der Bernauer Heide vorbei, wo die „Friedensfahrt
ohne Sieger“ ihre Spuren hinterlässt. In den Akten merkt das MfS dazu an: „Durch Angehörige der Gruppe ausgeführte Schmiererei an der Straße von Schönow nach Schönwalde auf Höhe Übungsplatz der Sowjetarmee“.
Den Aktivisten stinkts gewaltig: Am 18. Mai 1984 organisieren Michael Beleites und der Bitterfelder Kreisjugendpfarrer Jürgen Kohtz einen
Protestmarsch von Bitterfeld über Greppin nach Wolfen. Damit wollen sie auf die Umweltzerstörung in dieser Region aufmerksam machen. V.l.n.r.: Christian Halbrock, Oliver Groppler und Jens Albert Möller.
Einladung zum 6. Schweriner Ökologieseminar, Thema: „Stadt grün statt grau“ (28./29. März 1987). Seit 1982 findet jedes Jahr ein
Ökologieseminar in Schwerin statt mit Vorträgen, Diskussionen und Exkursionen.
Programm Januar bis Juni 1988 des Ökologischen Arbeitskreises der Dresdner Kirchenbezirke. Der 1983 entstandene Arbeitskreis hat zahlreiche
Untergruppen und koordiniert die Arbeit über Dresden hinaus. Er organisiert seit 1986 jährlich eine „Woche der Schöpfungsverantwortung“. Auch seine Aktion „Saubere Luft für Ferienkinder“ wird zu einem großen Erfolg. Im Dresdner Umfeld entstehen 1985/86 weitere Umweltgruppen in Pirna und Radebeul-Ost.
Programm Januar bis Juni 1988 des Ökologischen Arbeitskreises der Dresdner Kirchenbezirke. Der 1983 entstandene Arbeitskreis hat zahlreiche
Untergruppen und koordiniert die Arbeit über Dresden hinaus. Er organisiert seit 1986 jährlich eine „Woche der Schöpfungsverantwortung“. Auch seine Aktion „Saubere Luft für Ferienkinder“ wird zu einem großen Erfolg. Im Dresdner Umfeld entstehen 1985/86 weitere Umweltgruppen in Pirna und Radebeul-Ost.
Im Januar 1988 gründet sich im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg (Fehrbelliner Straße 7) das Grün-ökologische Netzwerk Arche. V.l.n.r. (oben):
Achim de Haas, Harry Hirsch, Carlo Jordan, Eva Ewald, Henrik de Haas. V.l.n.r. (mitte): unbekannt, Mario Hamel (IM des MfS), Ivo Piacentini (IM des MfS), Frank Pleß, Christiane Schult. V.l.n.r. (unten): Andreas Schönfelder, Matthias Voigt.
Arche Nova – Forum für ökologische Gestaltung in Umwelt und Gesellschaft, herausgegeben vom Grün-ökologischen Netzwerk Arche (26. April 1989).
Diese Ausgabe zum Thema Kernenergie ist eines von insgesamt fünf Heften, die die Arche von 1988 bis 1990 herausgibt.
Einladung zur 3. Radsternfahrt vom 26. bis 28. August 1988 auf dem Gelände der Hoffbauer-Stiftung in Potsdam-Hermannswerder. Diese Radsternfahrten,
mit denen auf die Zerstörung der Umwelt aufmerksam gemacht werden soll, werden regelmäßig organisiert.
Presseerklärung der Umwelt-Bibliothek Berlin, in der sie gegen die geplante Sondermüllverbrennungsanlage Schöneiche vor den Toren Ost-Berlins
protestiert (Herbst 1988). Hier soll nach einer Übereinkunft des Westberliner Senats und der DDR-Regierung der Sondermüll aus West-Berlin entsorgt werden.
Die Dresdner Gruppe Pax organisiert im August 1989 die erste Protestdemonstration an der Baustelle des Reinstsiliziumwerkes in Dresden-Gittersee.
Später wird die Demonstration durch die Polizei gewaltsam aufgelöst.
Die Dresdner Gruppe Pax organisiert im August 1989 die erste Protestdemonstration an der Baustelle des Reinstsiliziumwerkes in Dresden-Gittersee.
Später wird die Demonstration durch die Polizei gewaltsam aufgelöst.
„Tod-sicher“: Protestaufkleber von 1989 gegen den Bau eines Reinstsiliziumwerkes in Gittersee, 1989.
Keine Laubenpieperidylle: Ein Abwasserkanal des Chemiewerks Buna fließt durch die Kleingartenanlage Kotbetha (März 1990).
Schwerin macht Schule: Baumpflanzaktion in der Dresdner Heide 1982.
Straßensperre zur Fahrraddemonstration am Weltumwelttag in Ost-Berlin (5. Juni 1987). Die Demo beginnt an der Umwelt-Bibliothek und nimmt folgende
Route: Dimitroffstraße, Greifswalder Straße, Antonplatz, Langhansstraße, Wysbier Straße, Schönhauser Allee, Kastanienallee, Veteranenstraße., Invalidenstraße., Chausseestraße. Sie endet am Borsigplatz. In der Schönhauser Allee stoppt die Polizei die Kolonne und kontrolliert Ausweise. Am Borsigplatz wird ein Fahrradfahrer festgenommen, weil er eine Schärpe trägt.
Ausweiskontrolle am Weltumwelttag in Ost-Berlin (5. Juni 1987): In der Schönhauser Allee stoppt die Polizei die Fahrraddemonstranten. Im Vordergrund:
Stephan Konopatzky.
Anzahl und Verteilung der kirchlichen Umweltgruppen in der DDR in den 1980er Jahren.
Glaubt man den offiziellen Darstellungen der
Besonders erschreckend ist das Ausmaß der Zerstörung beim Uranbergbau und im Chemiedreieck Halle-Leipzig-Bitterfeld durch die Chemiewerke und den Kohleabbau. Verschmutzte Seen und Flüsse, kahle Wälder und Mondlandschaften sind die nicht zu übersehenden Folgen der desaströsen DDR-Wirtschaft.
Mondlandschaften, Kloaken und Chemiecocktails
Die einzige offizielle Organisation in der DDR, die sich ansatzweise mit der Umwelt auseinandersetzt, ist die Gesellschaft für Natur und Umwelt im
Innerhalb der Kirche etabliert sich eine eigenständige Umweltbewegung mit dem christlichen Motiv, die Schöpfung zu erhalten. Informations- und Dokumentationszentrum ist das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg, das Umweltaktivitäten koordiniert, systematisch Umweltprobleme erforscht und in zahlreichen Publikationen Anleitungen zum Umweltschutz für die Aktivitäten kleinerer Gruppen im ganzen Land herausgibt.
Zu den häufigsten Aktionsformen der Gruppen gehören Demonstrationen, Fahrradkorsos, Ökologie-Seminare, Informationsveranstaltungen und nicht zuletzt der aktive Einsatz vor Ort, zum Beispiel bei einer Baumpflanzaktion. Immer ist das Hauptziel, so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren.
Eine für die Verhältnisse beachtliche Resonanz erreicht der Einsatz dreier 17-jähriger Schüler aus Schwerin, die 1979 die erste Baumpflanzaktion starten.
Verbrecherische Verschleierungstaktik in Sachen Strahlung
Flugblatt der DDR-Umweltbewegung, in dem ein Schlagertext aufgegriffen wird: „Tausend mal ist nix passiert...“. Umweltschützer warnen nach der
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (Ukraine) am 26. April 1986 vor den Gefahren der Atomkraft und kritisieren die unzureichende Informationspolitik der DDR-Führung.
Nach dem GAU: Eingabe des Friedens- und Umweltkreises der Pfarr- und Glaubensgemeinde Berlin-Lichtenberg an den Ministerrat der DDR zum Unfall im
Kernkraftwerk Tschernobyl (1. Mai 1986). Sie gehört zu den ersten Erklärungen zum Tschernobyl-Unfall, die von Umweltgruppen herausgegeben werden.
"Und ewig glüht die Heide". Der Kampf gegen die Atomkraft wird zu einem zentralen Anliegen der DDR-Umweltbewegung. Nach dem GAU in Tschernobyl am 26.
April 1986 erfahren die DDR-Bürger nur über die Westmedien von der Katastrophe, die Ostmedien vertuschen die Ereignisse. Mit Protestpostkarten versuchen die Umweltschützer auf die Gefahren der Atomkraft hinzuweisen und die Bevölkerung zu sensibilisieren.
Nach dem GAU in Tschernobyl am 26. April 1986 erfahren die DDR-Bürger nur über die Westmedien von der Katastrophe, die Ostmedien vertuschen die
Ereignisse. Mit Protestpostkarten versuchen die Umweltschützer auf die Gefahren der Atomkraft hinzuweisen und die Bevölkerung zu sensibilisieren. Diese Protestpostkarte richtet sich gegen das Atomkraftwerk in der Lubminer Heide am Greifswalder Bodden.
Morsche Meiler: Reader zum 3. Ostberliner Ökologieseminar (28. bis 30. November 1986), herausgegeben von der Umwelt-Bibliothek Berlin. Der Reader ist
die erste umfangreiche Publikation der Berliner Umwelt-Bibliothek.
Zu einem zentralen Anliegen der Umweltschützer wird der Kampf gegen die Atomkraft. Nach dem
Die Kirchenführung reagiert empört auf das Informationsdefizit in den DDR-Medien nach dem Tschernobyl-Unfall. Schließlich erkennen viele Bürger die wahren Gefahren der Verstrahlung nicht – und können sich nicht schützen. Diese Diskussion führt zu einer verstärkten Sensibilisierung der Bevölkerung für Umweltthemen.
Um dem eklatanten Mangel an Aufklärung und Kommunikation abzuhelfen und das Informationsmonopol des Staates zu unterwandern, gründen Christian Halbrock,
Umwelt als ganzheitlicher Begriff, der auch die individuellen Menschenrechte einbezieht, ist der Ausgangspunkt für die Überlegungen die zur Gründung der Umwelt-Bibliothek führen.
Die Grünen in West-Deutschland hatten eine große Vorbildfunktion. Es war klar, dass man unter dem Vorzeichen ´Umwelt` relativ viel machen konnte, ohne gleich in diesen strafrelevanten Bereich hinein zu rutschen, was einen bei der Polizei und beim
Das haben wir sofort mitgekriegt: Das bringt uns eine wesentlich bessere Position. Dadurch kamen auch immer gute Kontakte zustande, mit der Bevölkerung. So konnte diese Isolation schnell aufgebrochen werden. Was noch hinzu kam, das war 1983 in Berlin, wo relativ viele Leute aus verschiedensten Städten der DDR hinzogen. Viele litten unter demselben Gedanken oder Missstand und sagten: ´Es wird immer diskutiert, diskutiert, aber es passiert nichts, keiner macht was`. In Berlin gab es bereits die etablierten Friedensgruppen in ESG [Evangelische Studentengemeinde], diese Friedensgruppen, in Samariter. Da wurde diskutiert und diskutiert, und jede
Wir sind dann zu diesen Friedensgruppen auf Distanz [gegangen], weil wir auf eindeutigen Widerspruch stießen. Da haben wir einfach gesagt: Wir machen Umweltgruppen auf, als Untergruppen oder selbstständige Umweltgruppen. Wir machen unsere eigenen Gruppen, und ziehen das durch. Die ganz eindeutige Idee war schon diese logistische und strategische Überlegung: Um hier in der DDR etwas verändern zu können, muss man sich nicht nur schrittweise eine Basis schaffen, von der aus man ungehindert handeln kann. Man muss vielmehr auch die einzelnen Monopole dieses Staates schrittweise unterhöhlen, aushöhlen. Das Wichtigste war eben dieses Informationsmonopol. Erst dann würde es zu einer Änderung in der DDR kommen.
Das war unser Konzept. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir begreifen Umwelt als allumfassenden Begriff. Umwelt ist für uns auch die Wahrung der individuellen persönlichen Unverletztheit des einzelnen Bürgers. Es ist für uns die
Christian Halbrock, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2004
Spieldauer: 3 Min.
© 2004 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350