Mahnwache in der Gethsemanekirche
Aus Protest gegen die Inhaftierungen von Demonstranten Anfang Oktober 1989 beginnt in der Ostberliner Gethsemanekirche eine Mahnwache. Die Kirche wird im Herbst 89 zum Zentrum des Widerstands und zu einem Brennpunkt der Revolution.
„Wachet und betet. Mahnwache für die zu Unrecht Inhaftierten“ auf dem Gelände der Ostberliner Gethsemanekirche (Oktober 1989).
Am 7. Oktober 1989 schreibt Jörg Zickler einen Brief an seine Eltern, in dem er über die Mahnwache in der Gethsemanekirche Berlin berichtet. Noch am
selben Tag wird der 24-Jährige bei einer Demonstration verhaftet.
Am 7. Oktober 1989 schreibt Jörg Zickler einen Brief an seine Eltern, in dem er über die Mahnwache in der Gethsemanekirche Berlin berichtet. Noch am
selben Tag wird der 24-Jährige bei einer Demonstration verhaftet.
Kerzen als Symbol für den friedlichen Protest: Mahnwache auf dem Gelände der Gethsemanekirche für die Freilassung politisch Inhaftierter.
Silvio Wendrich und Franka Otto bei der Gestaltung von Transparenten für die Mahnwache in der Gethsemanekirche.
Versammlung am 8. Oktober 1989 in der Gethsemanekirche nach den Ausschreitungen in der vergangenen Nacht.
Mahnwache in der Gethsemanekirche für die Freilassung der politisch Inhaftierten. Im Bild der Platz vor der Gethsemanekirche am Abend des 8. Oktober
1989.
Die Aktionsgruppe Mahnwache Berlin Gethsemanekirche ruft zur Teilnahme und Organisation von Mahnwachen für die zu Unrecht Inhaftierten auf.
Mahnwache auf dem Gelände der Gethsemanekirche für die Freilassung der politisch Inhaftierten.
Die Organisatoren und Teilnehmer der Mahnwache werden von der Bevölkerung unterstützt. In den Fenstern standen Kerzen, als Zeichen der Solidarität.
Die Fleischer, Kneipiers und Gewerbetreibenden, die in der Umgebung ihre Läden hatten, brachten Essen, Getränken und alles Mögliche, was man zum Leben braucht.
Teilnehmer der Mahnwache in der Gethsemanekirche für die Freilassung der politisch Inhaftierten.
Volkspolizei und Stasi beobachten die Mahnwache für die Freilassung der politisch Inhaftierten auf dem Gelände der Gethsemanekirche.
Ein Fehrsehteam aus der Bundesrepublik wird von Volkspolizisten bei der Berichterstattung über die Mahnwache behindert.
Oktober 1989, Abschlussfest der erfolgreichen Mahnwache für die Freilassung der politisch Inhaftierten.
Oktober 1989, Abschlussfest der erfolgreichen Mahnwache für die Freilassung der politisch Inhaftierten.
Polizeinotiz zur Personenkontrolle von Frank Ebert, der auf dem Weg zur Mahnwache ist (5. Oktober 1989).
Mahn- und Fastenaktion auf dem Gelände der Gethsemanekirche am 9. Oktober 1989.
Klaus Kupler am Kontakttelefon im Gemeindehaus der Gethsemanekirche (12. Oktober 1989).
Das Kontakttelefonbüro im Gemeindehaus der Gethsemanekirche. V.l.n.r.: Uwe Gottschling, Hanfried Zimmermann, Jürgen Gernentz, Uwe Kraeusel,
Christoph Singelnstein, Thomas Jahn.
Mahnwache auf dem Gelände der Gethsemanekirche im Oktober 1989.
Oktober 1989, Abschlussfest der erfolgreichen Mahnwache für die Freilassung der politisch Inhaftierten.
Der damals erst 19-jährige Frank Ebert (sitzend), als Teilnehmern an der Mahnwachein in der Gethsemanekirche für die Freilassung der politisch
Inhaftierten.
Junge Oppositionelle suchen einen geeigneten und sicheren Ort, um ihre Solidarität mit den politischen Gefangenen aus Leipzig und anderen Orten zu zeigen. Doch viele Berliner Kirchengemeinden wagen es noch im September 1989 nicht, ihr Gotteshaus für Protestveranstaltungen zu öffnen. Schließlich stellt Pfarrer
Am 2. Oktober 1989 beginnen hier ein gutes Dutzend Aktivisten des
Wenige Tage darauf, am Abend des 7. Oktober 1989, eskaliert die staatliche Gewalt gegenüber Demonstranten während des 40. Republikgeburtstags in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Plauen und anderen Orten. Einige der heftigsten Auseinandersetzungen finden direkt vor den Türen der Berliner Gethsemanekirche statt. Schnell entwickelt sich die Kirche zu einem Kommunikationszentrum, ja zu einer „Nachrichtenagentur“ der
Die Kirche wird zur Kontakt- und Nachrichtenzentrale
Hunderte Menschen kommen in den Tagen nach dem 7. Oktober 1989 in die Kirche, um etwas über den Verbleib ihrer verhafteten Angehörigen zu erfahren. Denn von staatlicher Seite ist nichts zu vernehmen. Dieses inoffizielle Pressezentrum sammelt auch wertvolle Infos über die Aktivitäten von Bürgerrechtlern, über Erklärungen von Musikern und Künstlern, über die Gründung von Bewegungen, Initiativen, Parteien und Gewerkschaften. Von hier aus werden sie in der DDR verbreitet. Überall in der Kirche hängen Zettel mit Aufrufen und Listen mit Kontaktadressen.
Das hat es in der DDR noch nicht gegeben: Die vielen ausländischen Journalisten finden in der Gethsemanekirche einen Kontakt- und Nachrichtenpool vor, mit dem sie nicht rechnen, als sie zur Berichterstattung über die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR anreisen.
Verbreitet werden die Nachrichten im ganzen Land auf eilig gedruckten Flugblättern, ab dem 10. Oktober 1989 auch über den telegraph der UB, der zu dieser Zeit einzigen unabhängigen Zeitschrift der DDR. Aus allen Ecken des Landes kommen Menschen angereist, berichten bei Andachten und Fürbittgebeten und nehmen Informationen mit zurück.
Viele halten auch telefonisch Kontakt zur Gethsemanekirche, obwohl sie sich denken können, dass die
Die Gethsemanekirche ist ein Versammlungsort für Christen und Nichtchristen, für Mitglieder der Amtskirche wie Bischof
Die Mahnwache in der Gethsemanekirche ist von höchster politischer Brisanz. Auch wenn es aus heutiger Sicht nicht mehr so erscheinen mag: Die Aktivisten gehen mit ihrem offenen Protest Anfang Oktober 1989 noch immer ein hohes Risiko ein. Noch ist der Widerstand gegen das System nicht gefahrlos, wie die Verhaftung von Mitgliedern der Leipziger Friedensandacht am 9. Oktober 1989 zeigt. (An der Mahnwache nimmt auch der 19-jährige
Am 2. Oktober 1989 beginnen Aktivisten des Weißenseer Friedenskreises, der Umwelt-Bibliothek und der Kirche von Unten mit einer Mahnwache rund um die Uhr. Ziel: Freilassung der politischen Gefangenen.
„Bei der ersten offiziellen Mahnwachenandacht waren vielleicht 50 Leute da, 50, 60 Leute. Die standen alle noch, da saß gar keiner in den Reihen. Das Transparent hatten wir draußen hingehängt. Es besagte: Freiheit für die politisch Inhaftierten`, was sich auf Leipzig bezog, aber auch auf andere Städte. Wir hatten ja inzwischen auch andere Informationen. Diesen Schwung, den das nahm, und diese Massenwirksamkeit, mit der hatten wir am Anfang gar nicht gerechnet. Das war um den 2., 3. Oktober, und es wurden immer mehr. Am nächsten Tag waren es ein paar Hundert, und dann waren es schlagartig Tausende. Was besonders schön war, eine sehr interessante Erfahrung, war die Solidarität von Leuten, die eigentlich völlig unpolitisch waren. Die hatten einfach nur gesehen: So geht es nicht, und das ist ungerecht, um es ganz simpel zu sagen. Die hatten einfach einen gewissen Gerechtigkeitssinn.
Das waren zum Beispiel U-Bahn-Fahrer, die vorbei fuhren, die Lichter an- und ausmachten oder hupten. Das war schon äußerst beeindruckend, wenn man in dieser Kirche mit ein paar tausend Leuten war, wenn die Andacht vorbei war, der politische Teil der Andacht vorbei war, und die Leute rausgingen. Dann fuhr da die U-Bahn lang, ja, das war schon beeindruckend. In den Fenstern standen Kerzen, als Zeichen der Solidarität. Die Fleischer, Kneipiers, Gewerbetreibenden, die dort ihre Läden hatten, die versorgten uns mit Essen und Getränken. Und die Anwohner brachten alles Mögliche, was man zum Leben braucht.
Von den bekannteren Oppositionellen war keiner dabei. Die waren ja alle damit beschäftigt, irgendwelche Grüppchen, Gruppierungen, Parteien und Initiativen zu gründen. Das hatte alles seine Berechtigung, das griff alles ineinander. Das war jetzt nicht negativ gemeint – sie hatten alle irgendetwas anderes zu tun.
Damals habe ich das ein bisschen anders gesehen, ich habe mich geärgert, dass sie nicht mal vorbeikamen.
Produktion: 2004
Spieldauer: 4 Min.
© 2004 Robert-Havemann-Gesellschaft & Bundeszentrale für politische Bildung
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350