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Sowjetische Panzer in der ČSSR - Schülerinnen in Frankfurt (Oder) protestieren

Sowjetische Panzer in der ČSSR - Schülerinnen in Frankfurt (Oder) protestieren

Redaktion

Drei Schülerinnen informieren in einem Brief an 150 Frankfurter Haushalte über die tatsächliche Situation in der CSSR. Eine Inoffizielle Mitarbeiterin übergibt das Schriftstück dem MfS.

(© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20431 ) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20434) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_20441) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69, Bd. 4) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69 Bd. 4)

„Liebe Mitbürger!

Sowjetische Panzer in der Interner Link: ČSSR schaden dem Ansehen des Interner Link: Sozialismus in der ganzen Welt. Daß auch deutsche Truppen dort sind, zwingt Vergleiche zu 1938 auf. Die deutsche Schuld ist in der ČSSR noch nicht vergessen. Jeder Staat hat ein Recht darauf, seinen Weg selbst zu bestimmen. Die Besetzung der ČSSR ist eine grobe Einmischung in die Innenpolitik dieses Staates. Kann man von einer Konterrevolution sprechen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung hinter Svoboda und Dubcek steht und ihrer Politik zustimmt?

Liebe Mitbürger, informieren Sie sich, was in unserem Nachbarstaat geschieht, fordern Sie die volle Wahrheit, glauben Sie nicht verbreiteten Halbwahrheiten. Erwägen Sie doch, ob Sie nicht auch etwas tun können.“

Sie wissen, wovon sie schreiben: Im Gegensatz zu manch anderen Protestierenden in der DDR sind die Schwestern Hildegart und Gerlinde Becker, Schülerinnen im Alter von 17 und 18 Jahren, sehr gut über die Stimmung in der Interner Link: Tschechoslowakei informiert. Sie haben Kontakt zu einer an der Universität Prag studierenden Freundin. Außerdem reisen sie selbst jedes Jahr in die Tschechoslowakei.

Bereits Anfang der 1960er Jahre knüpft ihr Vater Reinhard Becker, ein evangelischer Pfarrer, Kontakte zur tschechischen Kirche. Daraufhin ist es seinen Töchtern möglich, an den Ausflügen der dortigen Interner Link: Jungen Gemeinde teilzunehmen. Hildegart und Gerlinde nutzen die Angebote und lernen auf diese Weise viele Tschechen und Slowaken kennen. 1968 erleben sie die veränderten politischen Gespräche und die neue Situation vor Ort.

Das ist für sie Grund genug, nach dem 21. August gegen die völkerrechtswidrige Gewaltaktion des Interner Link: Warschauer Paktes vorzugehen. Die jungen Mädchen haben den Wunsch, etwas zu unternehmen. Ein kritischer Text scheint das angemessene Ausdrucksmittel zu sein, zumal Hildegart gerne schreibt.

Die Bürger A bis K werden über das Unrecht informiert

Hildegart Becker geht zu ihrer besten Freundin Barbara Dunemann und bespricht mit ihr, wie sie die Sache angehen sollen. Die Mädchen leihen sich eine Schreibmaschine, zunächst von einer Bekannten und später vom Gemeindebüro. Schließlich macht auch Gerlinde Becker mit. Briefumschläge sowie -marken gibt es bei der Post, und die Privatadressen entnehmen sie dem herkömmlichen Telefonbuch.

Der Plan der Mädchen ist von den Flugblattaktionen der Geschwister Scholl inspiriert, von denen sie vor nicht allzu langer Zeit auf einem Themenabend der Jungen Gemeinde gehört haben. Der Text ist kurz und prägnant. Insgesamt verschicken die drei Schülerinnen zwischen 150 und 160 Briefe mit Flugblättern. Alle Eintragungen im Telefonbuch von A bis K bekommen Post von ihnen. Zwischen den Buchstaben K und L hören sie auf, unter anderem deshalb, weil die Schulferien zu Ende gehen.

(© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AOP 2/69) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69 Bd. 2) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69, Bd 6, Bl. 141) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69, Bd. 2, Bl 192) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69, Bd. 7) (© BStU, MfS, BV Frankfurt (Oder), AU 52/69 Bd. 6)

Die Briefe bleiben dem Interner Link: Ministerium für Staatssicherheit nicht verborgen. Einer flattert dem Interner Link: Inoffiziellen Mitarbeiter „Undine“ direkt ins Haus, der ihn prompt der Staatssicherheit übergibt. Die leitet Untersuchungen ein und wird fündig: Sie vergleicht die Schrift auf den Flugblättern detektivisch mit dem Schreibmaschinentyp und stößt auf fünf Adressen, die unmittelbar mit den Mädchen in Verbindung stehen. Die Schülerinnen werden umgehend verhaftet. Doch wird nach einiger Zeit die gerichtliche Untersuchung ohne konkret zu erkennenden Grund abgebrochen, und die Mädchen werden am 20. Dezember 1968 aus der U-Haft freigelassen.

Die jungen Frauen haben spontan gegen das Unrecht gehandelt – ohne groß nachzudenken. „Ich hätte uns niemals so viel Beachtung zugemessen“, meint Barbara Dunemann rückblickend. „Wir wollten einfach etwas machen.“

Fussnoten

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350