Sowjetische Panzer in der ČSSR - Schülerinnen in Frankfurt (Oder) protestieren
Drei Schülerinnen informieren in einem Brief an 150 Frankfurter Haushalte über die tatsächliche Situation in der CSSR. Eine Inoffizielle Mitarbeiterin übergibt das Schriftstück dem MfS.
Hildegart Becker, Barbara Dunemann und Gerlinde Becker (von links). Das Foto entstand nach der Untersuchungshaft.
Hildegart Becker (ganz links) mit ihrer Familie im Dezember 1965.
Hildegart Becker (links sitzend) und ihre Schwester Gerlinde (hintere Reihe: 3. v. r.) bei einem Besuch bei der Evangelischen Jugend der
Tschechoslowakei in Kunvald im Juli 1966.
Von den drei Schülerinnen verschicktes Flugblatt. Die Flugblätter schreiben sie heimlich und verschicken sie per Brief an verschiedene Adressen in
Frankfurt (Oder).
Zweite Fassung des Flugblatts, welches die drei Schülerinnen verschicken.
„Liebe Mitbürger!
Sowjetische Panzer in der
Liebe Mitbürger, informieren Sie sich, was in unserem Nachbarstaat geschieht, fordern Sie die volle Wahrheit, glauben Sie nicht verbreiteten Halbwahrheiten. Erwägen Sie doch, ob Sie nicht auch etwas tun können.“
Sie wissen, wovon sie schreiben: Im Gegensatz zu manch anderen Protestierenden in der DDR sind die Schwestern Hildegart und Gerlinde Becker, Schülerinnen im Alter von 17 und 18 Jahren, sehr gut über die Stimmung in der
Bereits Anfang der 1960er Jahre knüpft ihr Vater Reinhard Becker, ein evangelischer Pfarrer, Kontakte zur tschechischen Kirche. Daraufhin ist es seinen Töchtern möglich, an den Ausflügen der dortigen
Das ist für sie Grund genug, nach dem 21. August gegen die völkerrechtswidrige Gewaltaktion des
Die Bürger A bis K werden über das Unrecht informiert
Hildegart Becker geht zu ihrer besten Freundin Barbara Dunemann und bespricht mit ihr, wie sie die Sache angehen sollen. Die Mädchen leihen sich eine Schreibmaschine, zunächst von einer Bekannten und später vom Gemeindebüro. Schließlich macht auch Gerlinde Becker mit. Briefumschläge sowie -marken gibt es bei der Post, und die Privatadressen entnehmen sie dem herkömmlichen Telefonbuch.
Der Plan der Mädchen ist von den Flugblattaktionen der Geschwister Scholl inspiriert, von denen sie vor nicht allzu langer Zeit auf einem Themenabend der Jungen Gemeinde gehört haben. Der Text ist kurz und prägnant. Insgesamt verschicken die drei Schülerinnen zwischen 150 und 160 Briefe mit Flugblättern. Alle Eintragungen im Telefonbuch von A bis K bekommen Post von ihnen. Zwischen den Buchstaben K und L hören sie auf, unter anderem deshalb, weil die Schulferien zu Ende gehen.
Der IM "Undine" informiert am 28. August 1968 die Staatsicherheit über das Auftauchen der Flugblätter.
Ein pflichtbewusster Bürger gibt am 28. August 1968 das Flugblatt bei der Volkspolizei ab.
In wenigen Tagen werden ein Großteil der Flugblätter von pflichtbewußten Bürgern bei der Volkspolizei oder der Staatssicherheit abgegeben.
Durch die abgegebenen Flugblätter kann die Staatssicherheit die zum Schriftbild passende Schreibmaschine ermitteln. Es ist die Schreibmaschine vom
Typ Olympia, des Pfarrers Reinhard Becker. So kommt die Staatssicherheit den drei Mädchen auf die Spur.
Erkennungsdienstliche Behandlung von Hildegart Becker nach ihrer Verhaftung.
Schreiben der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald vom 28. Oktober 1968, welches den Ausschluss von Gerlinde Becker vom Studium an allen
Universitäten und Hochschulen der DDR ankündigt.
Am 23. Dezember 1968 wird das Verfahren gegen die drei jungen Mädchen völlig überraschend eingestellt. Über die Gründe können Sie nur
spekulieren.
Die Briefe bleiben dem
Die jungen Frauen haben spontan gegen das Unrecht gehandelt – ohne groß nachzudenken. „Ich hätte uns niemals so viel Beachtung zugemessen“, meint Barbara Dunemann rückblickend. „Wir wollten einfach etwas machen.“
Wer nicht Mitglied in der Pionierorganisation ist, muss schon als Kind lernen, zu argumentieren.
Ich war die Einzige, die in der Klasse nicht bei den Pionieren war. Oder gab es noch eine Zweite? Doch, eine Familie, die vor '61 in den Westen ging. Es waren oft Familien. Es war irgendwie merkwürdig: 'Es ist aber schade, dass du nicht bei den Pionieren bist. Lassen dich deine Eltern nicht, und warum willst denn du nicht?'. Solche Fragen zu beantworten in der ersten, zweiten, dritten Klasse, so übt man schon argumentieren.
Hildegart Becker, Zeitzeugin auf www.jugendopposition.de
Produktion: 2007
Spieldauer: 1 Min.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350