Altenburger Oberschule
Auf einem Dachboden im thüringischen Städtchen Altenburg stört eine Gruppe Oberschüler mit einem selbst gebastelten Sender die Frequenz des staatlichen Rundfunks und kommentiert eine Rede Stalins kritisch. Die Sendung ist im Umkreis von ungefähr 40 Kilometern zu empfangen.
Der 17-jährige Oberschüler Ludwig Hayne (ganz links) mit seinen Klassenkameraden an der Karl-Marx-Oberschule Altenburg im Jahre 1949. Ludwig Hayne
wird zwei Jahre später in Moskau erschossen.
Die Schüler der 11. Klasse der Karl-Marx-Oberschule in Altenburg im Sommer 1949. Hans Joachim Näther ist noch nicht auf dem Bild, er kommt erst in
der 12. Klasse dazu.
„50 Hertz gegen Stalin“: Der Oberschüler Gerhard Schmale im Herbst 1949. Durch seine Kenntnisse gelingt es den Altenburger Schülern, aus
Funkgerätematerial einen funktionierenden Sender zu basteln. Im Frühjahr 1949 führen sie die ersten erfolgreichen Versuche durch. Die Gruppe entscheidet sich, während des Festakts zum 70. Geburtstag von Josef Stalin auf Sendung zu gehen.
Im März 1950 wird die Altenburger Widerstandsgruppe verhaftet. Zwei Lehrer und ein Schüler werden zum Tode verurteilt, die anderen erhalten
langjährige Zuchthausstrafen. Gerhard Schmale verbringt über sechs Jahre seines Lebens in den Zuchthäusern Bautzen, Bautzen II, Halle, Torgau und Waldheim, bevor er 1956 entlassen wird. Im Bild Gerhard Schmale nach seiner Haftentlassung.
In Gerhard Schmales Bastelecke wird der Sender zusammengebaut, mit dem die Oberschüler die staatliche Rundfunksendung zum 70. Geburtstag Stalins
stören. Das Foto entsteht nach der Haftentlassung von Gerhard Schmale. Die für die Sendung genutzten Geräte fehlen, denn sie wurden vom MfS beschlagnahmt.
Nach der Haftentlassung: Im Westen demonstriert Gerhard Schmale den Umgang mit den Radioapparaten. Aufnahme vom Anfang der 1960er Jahre.
Anschauungsmodell: Eine in den 1990er Jahren für das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig von Gerhard Schmale hergestellte Rekonstruktion des Altenburger
Senders.
Schüler der Altenburger Oberschule.
Nachzeichnung eines Flugblatts, das in der Altenburger Oberschule 1950 angebracht wird.
Fort mit der SED! Mit dem Aufruf, den Buchstaben F überall in der DDR anzubringen, initiiert die aus West-Berlin agierende KgU eine einfach umzusetzende Methode, gegen die unfreien DDR-Wahlen zu protestieren. Als Aufschrift auf Wänden oder Flugzetteln findet das F im ganzen Land Verbreitung.
Auch die Altenburger Oberschüler verbreiten das Freiheits-F in ihrer Stadt. Jörn-Ulrich Brödel und andere Gruppenmitglieder malen es nachts mehrmals an die Fassade der SED-Kreisleitung.
F-Flugzettel der KgU für die Verbreitung in der DDR.
Freie Wahl durch Schweigen: Mit dem Aufruf, am 20. und 21. Juli 1950 Vergnügungslokale zu boykottieren, fordert die KgU auf, gegen Diktatur und
Terror zu protestieren.
Freie Wahl durch Schweigen: Mit dem Aufruf, am 20. und 21. Juli 1950 Vergnügungslokale zu boykottieren, fordert die KgU auf, gegen Diktatur und
Terror zu protestieren.
„Piratensender Altenburg“ stört Stalins Geburtstagsparty
Am 21. Dezember 1949 feiert die „fortschrittliche Menschheit“ den 70. Geburtstag des „größten Genius unserer Epoche und Führers des Sowjetvolkes
Auf einem Dachboden im thüringischen Städtchen Altenburg hat sich eine Gruppe Oberschüler versammelt, die den Sowjetdiktator auf ihre Weise würdigen will: Mit einem selbst gebastelten Sender stört sie die Frequenz des staatlichen Rundfunks und kommentiert die Rede des Präsidenten kritisch. Die Sendung ist im Umkreis von ungefähr 40 Kilometern zu empfangen.
Die Sicherheitsorgane sind nicht geneigt, diese Aktion als Schülerstreich hinzunehmen. Sie beginnen, intensiv nach den Störenfrieden zu suchen. Allein am 24. und 25. März 1950 werden 17 Personen vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Fünf Leuten gelingt die Flucht in den Westen.
Der Gruppe wird vorgeworfen, nicht nur die Rundfunksendung gestört, sondern auch Klebezettel mit einem F verbreitet zu haben. Das F steht für Freiheit. Für die Ankläger sind damit Kontakte zu der als Spionageorganisation geltenden Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) erwiesen.
F steht für Freiheit, T steht für Tod
Porträt des Oberschülers Ludwig Hayne. Er wird von einem sowjetischen Militärtribunal in Weimar am 21. Februar 1951 zum Tode verurteilt und am 28.
April 1951 in Moskau hingerichtet. Er wird nur 19 Jahre alt.
Der Oberschüler Hans-Joachim Näther: Die Staatssicherheit sieht in ihm den Kopf der Schülergruppe. Am 23./24. März 1950 wird er mit seinen
Mitschülern verhaftet und nach mehrtägigen Verhören der sowjetischen Geheimpolizei übergeben. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilt ihn am 13. September in Weimar zum Tode. Gemeinsam mit Wolfgang Ostermann, Siegfried Flack und Ludwig Hayne wird er nach Moskau verschleppt und dort am 12. Dezember 1950 erschossen.
„Einige regieren – die Masse döst“: Auszug aus einem Brief von Hans-Joachim Näther.
Jörn-Ulrich Brödel, einer der Wortführer unter den oppositionellen Schülern. Foto aus der Haftkartei des Gefängnisses Bautzen.
Die engagierten Lehrer zahlen mit ihrem Leben: Die zur Altenburger Antikominform-Gruppe gehörenden Lehrer sind kaum älter als ihre Schüler. Der
Neulehrer Wolfgang Ostermann, 21 (im Bild), wird wie sein Kollege Siegfried Flack, 22, nach Moskau verschleppt und dort erschossen.
Die engagierten Lehrer zahlen mit ihrem Leben: Die zur Altenburger Antikominform-Gruppe gehörenden Lehrer sind kaum älter als ihre Schüler.
Siegfried Flack, 22 (im Bild), wird wie sein Kollege Wolfgang Ostermann, 21, nach Moskau verschleppt und dort erschossen.
Zum Gedenken an die Zivilcourage: Tafel für die Altenburger Oberschüler, 2003 in ihrer Heimatstadt eingeweiht.
Der Prozess, der am 23. Mai 1950 vor dem
Bei dem Schüler handelt es sich um Hans-Joachim Näther. Er wird wegen Spionage, antisowjetischer Propaganda und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zum Tode verurteilt. Das Gnadengesuch wird abgelehnt. Hans-Joachim Näther wird am 12. Dezember 1950 in Moskau erschossen – drei Tage nach seinem 21. Geburtstag.
Der Lehrer Wolfgang Ostermann wird am gleichen Tag in Moskau hingerichtet. Sein Kollege Siegfried Flack stirbt drei Tage später durch Genickschuss. Wolfgang Ostermann und Siegfried Flack sind ebenfalls erst 21 und 22 Jahre alt.
Dem Schüler Ludwig Hayne gelingt zunächst die Flucht nach West-Berlin. Dort besucht er die Wirtschaftsoberschule Berlin-Charlottenburg und beteiligt sich weiter an den Aktionen der KgU. Am 20. Juli 1950 wird er vom
Die Asche der Hingerichteten wird vom sowjetischen Sicherheitsdienst auf dem Moskauer Friedhof Donskoje verscharrt. Zum Gedenken an mehr als 900 deutsche Opfer wird im Jahre 2005 auf dem Friedhof ein Gedenkstein eingeweiht.
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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350