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Pogo in Ost-Berlin

Pogo in Ost-Berlin

Redaktion

In der ersten Ostberliner Punkband Koks spielt das jugoslawische Botschafterkind „Ilja“ (16) mit. Kaum gegründet, gibt Koks das erste Konzert in der Jugoslawischen Handelsvertretung. Man verschwendet keine Zeit mit dem Stimmen der Gitarren und kommt gleich zur Sache.

(© Archiv Substitut) (© Archiv Substitut ) (© Archiv Substitut) (© Archiv Substitut ) (© Archiv Jana Schlosser) (© Archiv Substitut) (© Privat-Archiv Igor Tatschke) (© Archiv Substitut/Frank Nietsch)

Der Saal brennt. Etwa 40 Punks pogen auf solidem jugoslawischem Linoleum. Und in der Pause geht es kollektiv in die nahe gelegene Charité, um ein paar grüne OP-Klamotten zu klauen, denn Punk-Outfits gibt es selbstverständlich nicht zu kaufen.

Legendäres Punkfest in der Lychener Straße, Prenzlauer Berg

Lychener Straße 5 im Prenzlauer Berg, Hinterhof: Es heißt, in einem Atelier sollen ein paar Punkbands spielen. Der Hof ist rammelvoll mit bunten Gestalten, und man hat Mühe, sich durchs Treppenhaus zu kämpfen. In der Mitte einer Altbauwohnung sitzt „Locke“ (16) auf einer Leiter und versucht, mit einem Walkman die Musik aufzunehmen. Drei andere verteidigen den Kanonenofen gegen die Pogotänzer.

Es spielen die Bands Rosa Extra, Fünf Wochen im Ballon, Planlos und Unerwünscht. Sie spielen laut, wütend, falsch und mitreißend („Smog und Ruß, wohin ich komm, Langeweile gebaut aus Beton“ oder „Wenn ich laut denke, dann bist du da, wo ist der Monitor hinter der Kamera?“ Die Musiker schreien dem jungen Publikum aus der Seele. Es ist Silvester 1981, und wir sind auf dem vielleicht besten Punkfest, das Berlin je erlebt.

Die evangelische Kirche nimmt sich der Randgruppe Punk an. Zweimal wöchentlich gibt es einen Raum im Glockenturm der Pfingstkirche und Schmalzstullen. Auf die Räume der Kirche hat die Polizei kein Zugriffsrecht. Und schon bald dröhnt Punk aus allen möglichen Kirchen der Republik. Just an dem Tag, als die Toten Hosen es dank ihrer Trinkerhymne „Bommerlunder“ bis ins westdeutsche Fernsehen schaffen, poltern sie in den Proberaum der Ostberliner Band Planlos und wollen mal spielen – im Osten.

Die Toten Hosen geben ein spontanes Gastspiel in Ost-Berlin

Pfarrer Langhammer von der Interner Link: Erlöserkirche nickt das Ganze ab. Es gibt ein Konzert – zur Hälfte Planlos, zur Hälfte die Hosen – vor circa 15 Zuschauern. Pünktlich null Uhr sind die Hosen wieder am Interner Link: Checkpoint Charlie und werden Stars. Im Osten kommt die Order von ganz oben: Das Punk-Problem ist bis Ende 1983 zu lösen!

Eines Tages klingeln zwei junge Herren in Krawatte und Anzug bei der Familie Kobs. Nein, sie wollen nicht zum Vater, sie wollen zum Sohn. An der Grenze sei eine Waffenlieferung abgefangen worden, und man habe da Hinweise, dass der Sohn genau wisse, für wen diese Waffen bestimmt sind. Michael Kobs (17) weiß von nichts, doch der dramatische Auftritt wirkt in der Familie nach. Beim nächsten Mal werden vier Freunde verhaftet und einer gleich wieder auf freien Fuß gesetzt. Den Rest lässt man schmoren, denn Misstrauen kann eine scharfe Waffe sein. Dann bricht man in die Proberäume ein und sucht nach Textheften. Wo man fündig wird, straft man die Jugendlichen mit äußerster Härte.

Ende 1983 organisieren einige Punks eine Kranzniederlegung für die Opfer des Faschismus, um sich von dem braunen Anstrich zu distanzieren, der ihnen von den staatlichen Organen verpasst wird. Aber der Bahnhof von Oranienburg wird abgeriegelt und das Interner Link: Konzentrationslager Sachsenhausen für geschlossen erklärt. Die Punks ziehen unverrichteter Dinge ab und legen ihren Kranz am Mahnmal für die Opfer des Faschismus nieder – mitten in Berlin, Unter den Linden, in aller touristischer Öffentlichkeit.

Die Stasi-Spießer schließen die Szenetreffs in Ost-Berlin

Für das Cover einer Schallplatte fotografiert der Grafiker Bernd Scheubert einen Punk. Scheubert bekommt nie wieder einen Auftrag. Pfarrer Gilbert Furian interviewt Punks und macht ein Heft daraus. Er wird zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Szenekneipe Tute am Alex (eigentlich Posthorn) wird geschlossen und in eine Würstchenbude umgebaut. Das Mosaik in der Prenzlauer Allee wird geschlossen und monatelang renoviert. Das Scala in der Schönhauser Allee wird samt Mietshaus aus der Häuserzeile gesprengt.

Damit verschwinden die alten Treffpunkte der Szene in Ost-Berlin. Ab November 1983 hagelt es Einberufungsbefehle. Planmäßig trifft es auch die Musiker der Band Planlos. Andere Punks sitzen im Gefängnis, verurteilt für die Inhalte ihrer Songs. Ironischerweise bestätigt der Staat mit jedem verhängten Urteil genau jene Inhalte.

Fussnoten

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350