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MfS-Aktion gegen die Umwelt-Bibliothek

MfS-Aktion gegen die Umwelt-Bibliothek

Redaktion

"Aktion Falle": Staatsanwalt und Geheimpolizei durchsuchen Umwelt-Bibliothek in Ost-Berlin, beschlagnahmen Untergrundpublikationen und Vervielfältigungstechnik und nehmen Oppositionelle fest. Die Aktion wird zum Bumerang.

(© BStU, MfS, HA XX / Fo / 59 Bild 12) (© BStU, MfS, AU 245/90, Bd. 2, Bl. 35) (© BStU, MfS, AU 245/90, Bd. 2, Bl. 37) (© BStU, MfS, BV Berlin Abt. XX Nr. 2746) (© BStU, MfS-AU-245-90-Bd-1-Seite-0028-Bild-0018) (© BStU, MfS, AU 245/90, Bd. 2, Bl. 26) (© BStU, MfS, AU 245/90, Bd. 2, Bl. 26) (© BStU, MfS-AU-245-90-Bd-2-Seite-0034) (© BStU, MfS, AU 245/90, Bd. 2, Bl. 38) (© BStU, MfS; AU 245790; Bd:2; Bl. 68) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX 2740) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX 2740) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX Nr. 2740) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX Nr. 2740) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX Nr. 2748) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX Nr. 2748 ) (© BStU, MfS, Ast Berlin, Abt. XX Nr. 2748 ) (© BStU, MfS, HA VIII Nr. 7774, S. 49) (© BStU, MfS, HA VIII Nr. 7774, S. 49) (© Neues Deutschland, 27. November 1987, S. 8) (© Robert-Havemann-Gesellschaft)

In der Nacht vom 24. zum 25. November 1987 ist die Berliner Umwelt-Bibliothek (UB) Ziel eines Überfalls des Staatssicherheitsdienstes unter dem Decknamen "Falle". Ungefähr zwanzig Interner Link: Stasi-Mitarbeiter, angeführt vom Staatsanwalt Gläßner, stürmen im Auftrag des DDR-Generalstaatsanwalts mit dem Befehl "Hände hoch, Maschinen aus!" die Räume der UB im Gemeindehaus der Interner Link: Zionskirche im Prenzlauer Berg: Die "Schlacht um Zion" beginnt.

Die anwesenden sieben UB-Mitglieder werden verhaftet: Till Böttcher (17 Jahre alt), Interner Link: Bert Schlegel (20), Interner Link: Andreas Kalk (20), Interner Link: Bodo Wolff (33), Interner Link: Wolfgang Rüddenklau (34), Uta Ihlow (22) und der erst 14-jährige Tim Eisenlohr.

Einige werden ins Polizeipräsidium, andere ins Stasi-Untersuchungsgefängnis gebracht. Der Pfarrer der Zionskirche, Interner Link: Hans Simon, wird aus dem Bett geholt, und ihm wird das Protokoll der beschlagnahmten Gegenstände überreicht. Von der Stasi mitgenommen werden nicht nur alle Schriftstücke, derer sie habhaft werden kann – darunter auch eine ganze Ausgabe der Umweltblätter – sondern auch alle vier Vervielfältigungsgeräte der UB, von denen die Hälfte schon älter als fünfzig Jahre ist.

Die Aktion der Stasi in dieser Nacht gilt vordergründig gar nicht der Umwelt-Bibliothek an sich. Natürlich sind die Aktivitäten der UB dem Staat ein Dorn im Auge. Doch solange den Aktivisten der UB keine Straftaten nachgewiesen werden können, sind sie unter dem Dach der Kirche recht gut gegen staatlichen Zugriff geschützt.

Der Stasi-Überfall trägt nicht ohne Grund den Decknamen Aktion "Falle". Eigentlich sollen in dieser Nacht die Drucker der UB dabei überrascht werden, wie sie den illegalen grenzfall, die Publikation der verbotenen Initiative für Menschenrechte (Interner Link: IFM), drucken. Damit hätte die Stasi zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen hätte man die Redaktion des grenzfalls auf frischer Tat ertappt, und zum anderen hätte man die UB wegen des Drucks nicht genehmigter Publikationen diskreditieren, wenn nicht sogar schließen können. Doch es kommt anders.

Die Stasi-Aktion „Falle“ macht die Umwelt-Bibliothek erst richtig bekannt

Der grenzfall wird sonst vor allem in Privatwohnungen gedruckt. In Vorbereitung der Stasi-Aktion schlägt grenzfall-Redakteur Interner Link: Rainer Dietrich, gleichzeitig Stasi-IM, vor, die Ausgabe diesmal in der UB drucken zu lassen. In der Nacht des Überfalls versucht Dietrich, die Redakteure des grenzfalls, darunter auch Peter Grimm, die eigentlich aus Sicherheitsgründen nicht beim Druck dabei sein sollen, zu überreden, doch in die Zionskirche zu fahren – aber Dietrichs Wagen (ein Trabant) springt nicht an. Das erzählt er zumindest seinem Führungsoffizier, wodurch diese Version in den Akten und in der Literatur landet. Laut Peter Grimm hat Dietrich einfach keine Chance, seinen Führungsoffizier zu benachrichtigen, dass die Redakteure des grenzfalls nicht erscheinen werden, und erfindet die Trabant-Geschichte.

Die bei der Zionskirche wartenden Stasi-Leute verlieren die Geduld. Ohne dass die grenzfall-Leute eingetroffen sind, starten sie schließlich die Aktion. Tatsächlich laufen die Druckmaschinen, als Generalstaatsanwalt Gläsner in den Raum stürmt – doch gedruckt werden die legal erscheinenden Umweltblätter. Während die festgenommenen UB-Aktivisten durchsucht werden, läuft im Kassettenrekorder der Druckerei das Lied "Keine Macht für Niemand!" von Ton-Steine-Scherben. Doch die Stasi-Leute sind viel zu beschäftigt, diese Provokation zu bemerken.

Die Interner Link: Wachsmatrizen für den Druck des grenzfalls findet die Stasi im Nebenraum, doch das Ziel, die Herausgeber der Zeitschrift auf frischer Tat zu ertappen, wird verfehlt.

Letztlich ist die Aktion "Falle" für die Stasi ein Schlag ins Wasser. Weder findet sie die Leute von der Redaktion des grenzfalls noch kann sie die Umwelt-Bibliothek und ihre Mitarbeiter öffentlich kriminalisieren. Stattdessen führt der Überfall zu einer breiten Solidaritätsaktion und macht die UB und ihre Oppositionsarbeit bekannter.

Durch die Nachrichtensendungen des Westfernsehen erfahren viele DDR-Bürger von dem Überfall. Die meisten von ihnen erhalten auf diesem Weg überhaupt das erste Mal Kenntnis von der Existenz der UB.

Auch die UB profitiert im Nachhinein vom Stasi-Überfall. In einem Neujahrsgruß zum Jahreswechsel 1987/88 heißt es in der Ausgabe der Umweltblätter 1/88: "Wir sind vielmehr einmütig der Meinung, dass dieser Staat und diese Behörden einmalig und völlig unersetzlich sind. Besonders gern denken wir in diesem Zusammenhang an die großartige weltweite Gratis-Reklame für die Umwelt-Bibliothek und rufen der DDR-Regierung zum neuen Jahr zu: 'Macht weiter so, Jungs!'"

Über den Überfall auf die UB und die folgende Solidarisierungswelle berichten im Interview Uta Ihlow, damals 22 Jahre alt, Till Bötcher (17 Jahre) und Peter Grimm (22 Jahre).

Fussnoten

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Solidarisierung mit der Umwelt-Bibliothek

Der Überfall auf die Umwelt-Bibliothek ist für die Stasi ein Eigentor. Die Mahnwache in der Zionskirche fördert die Solidarität der Bevölkerung mit den Verhafteten der Aktion „Falle“. Und…

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Kontext

Super-GAU Tschernobyl, Abrüstungsverhandlungen, Honecker-Besuch, Glasnost und Perestroika, Sputnik-Verbot, Subkultur, Orange Alternative

Zeitzeuge

Till Böttcher

Till Böttcher kommt 1987 durch den Liedermacher Stefan Krawczyk zur Umwelt-Bibliothek und wird in den engeren Kreis der Drucker aufgenommen. Mit 17 wird er das erste Mal von der Stasi festgenommen.

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Wolfgang Rüddenklau

Im September 1986 ist Wolfgang Rüddenklau unter den Mitbegründern der Ostberliner Umwelt-Bibliothek (UB). Er konzentriert sich auf das Verfassen von Beiträgen für die „Umweltblätter“, in…

Zeitzeugin

Uta Ihlow

Im Sommer 1986 wird die gelernte Bibliotheksfacharbeiterin von einem der Gründer der Umwelt-Bibliothek und dem späteren Mitbegründer der Grünen Partei Carlo Jordan gefragt, ob sie die Bibliothek…

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Umweltblätter

Ab September 1986 gibt die Umwelt-Bibliothek Berlin (UB) eine Publikation heraus, die zunächst als bloße Hausmitteilung geplant ist und auch entsprechend heißt: „Die Umwelt-Bibliothek.…

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Die Mitglieder der Initiative Frieden und Menschenrechte wollen ihre Samisdatpublikation „grenzfall“ auf der Friedenswerkstatt 1986 in der Gemeinde der Erlöserkirche verteilen. Doch…

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Peter Grimm

Als am 9. April 1982 Robert Havemann stirbt, geht Peter Grimm zu der von der Staatssicherheit massiv überwachten Beerdigung. Dort macht er Bekanntschaft mit Ralf Hirsch und Werner Fischer – nach…

Die Texte von www.jugendopposition.de sind in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. entstanden. Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden Sie im Impressum.

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Für den Hinweis auf Texte von www.jugendopposition.de, die keine konkrete Autorin/ keinen konkreten Autor genannt haben, empfehlen wir folgende Zitierweise (Beispiel):

„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350