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Verbotene Bücher – Die Gründung und Arbeit der Umwelt-Bibliothek

Verbotene Bücher – Die Gründung und Arbeit der Umwelt-Bibliothek

Redaktion

In der Ostberliner Umwelt-Bibliothek kann man Sachen lesen, die es in der DDR sonst nicht gibt. Hier werden Flugblätter gedruckt und subversive Aktionen geplant.

(© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fak_0113 ) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_17346) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_17347) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jansson/RHG_Fo_HAB_10058) (© BStU, MfS, BV Berlin Abt. XX - 2746 ) (© BStU, MfS, BV Berlin Abt. XX - 2746 ) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fo_HAB_15040) (© Harald Hauswald/OSTKREUZ ) (© BStU, MfS, Ast Berlin Abt. XX - 2747 ) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke/RHG_Fo_HAB_10120) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Wolfgang Rüddenklau/RHG_Fo_HAB_10101) (© Harald Hauswald/OSTKREUZ ) (© Harald Hauswald/OSTKREUZ ) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke/RHG_Fo_HAB_10072) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fak_0019) (© Robert-Havemann-Gesellschaft / RHG_Fak_0937) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernhard Freutel) (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Wolfgang Rüddenklau/RHG_Fo_HAB_10104 )

Schon länger wird in der DDR-Umweltbewegung darüber nachgedacht, einen gemeinschaftlich nutzbaren „Bücherschrank“ einzurichten. Die wenigen kostbaren Exemplare an verbotenen und unerwünschten Publikationen, die sich in Privatbesitz befinden, sollen möglichst vielen Interessierten zugänglich gemacht werden. Ab September 1986 versucht die Ostberliner Umwelt-Bibliothek (UB), diese Idee umzusetzen und so das staatliche Informationsmonopol zu unterlaufen. Damit trägt sie dem stetig wachsenden Informationsbedürfnis in den gesellschaftskritischen Kreisen Rechnung.

Eines der Vorbilder für die UB sind die polnischen Interner Link: Fliegenden Universitäten, die bis zur Ausrufung des Kriegsrechts 1981 in Privaträumen Vorlesungsreihen unabhängiger, oft prominenter Wissenschaftler anbieten. Und zwar zu Themen, die in der staatlichen Publizistik und im offiziellen Wissenschaftsbetrieb nicht oder nur in Interner Link: zensierter Form behandelt werden. Unter dem strengen Sicherheitsregime der DDR ist ein solches Konzept nicht umsetzbar. Doch bei der Kirche findet die UB den nötigen Freiraum, schwer zugängliche beziehungsweise verbotene Literatur zu sammeln. Die UB-Mitarbeiter nutzen auch die Sonderdruckgenehmigung der Evangelischen Kirche, um unter dem Vermerk „Nur für den innerkirchlichen Gebrauch“ Systemkritisches zu veröffentlichen.

Ökologische und kritische Schriften unter dem Schutz der Kirche

Zu den Initiatoren der UB zählen Carlo Jordan, Oliver Kämper, Interner Link: Wolfgang Rüddenklau und Christian Halbrock. Sie sind schon einige Jahre in der Umweltbewegung aktiv und in verschiedenen Berliner Ökokreisen organisiert wie dem Interner Link: Friedens- und Umweltkreis der Pfarr- und Glaubensgemeinde Berlin-Lichtenberg. (Der Pfarrerssohn Christian Halbrock berichtet im Zeitzeugen-Video über seine Zeit in der Berliner Umweltbewegung und der UB.)

Bei Pfarrer Interner Link: Hans Simon in der Ostberliner Interner Link: Zionskirche findet die UB 1986 in zwei Kellerräumen Platz, Bücher, Broschüren, Infohefte und Zeitschriften zu sammeln. Die Bibliothek bietet Veröffentlichungen an, die aus den Umwelt-, Friedens-, Frauen-, Dritte-Welt- und Menschenrechtsgruppen der DDR kommen. Ein Postverteiler wird eingerichtet, sodass die auswärtigen Gruppen sich kontinuierlich die neuesten Publikationen wie den grenzfall abholen können. Außerdem bietet die UB Hintergrundinformationen über den atomaren Interner Link: GAU in Interner Link: Tschernobyl oder die Dokumentation über die Wahlfälschung. Zudem erhält die UB Literatur aus der Bundesrepublik, die weit über die Umweltproblematik hinausreicht. Die Publikationen kommen über illegale Wege und beinhalten Themen, die in der DDR unter die Interner Link: Zensur fallen.

In der UB-Galerie finden Vorträge, Videovorführungen, Ausstellungen, Konzerte und Lesungen vor allem staatlich unterdrückter Künstler statt. Das ausgefallene Galerieprogramm und das breite Angebot an sonst nicht erhältlicher Literatur lassen die UB schnell zu einem wichtigen Treffpunkt oppositioneller Kreise werden. Vor allem unangepasste junge Leute fühlen sich stark angezogen.

Kleine Auflage, große Reichweite: Die Umweltblätter

Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit bildet die Herstellung und Verbreitung der Interner Link: Samisdat-Zeitschrift Umweltblätter. Mit ihr gelingt es den UB-Aktivisten, dem Medienmonopol des Staates eine eigenständige Publikation entgegenzusetzen. Die Auflage steigert sich von 200 Exemplaren im Oktober 1986 auf 2.000 im Jahr der Revolution 1989. Unter den Schriften der DDR-Interner Link: Opposition sind die Umweltblätter, die zum Schluss monatlich erscheinen, mit Abstand am weitesten verbreitet. Als sich im Herbst 1989 die Ereignisse überschlagen, reagiert die Redaktion mit der Herausgabe des ersten telegraph am 10. Oktober. Die zweite Ausgabe erscheint schon einen Tag später, die dritte am 15. Oktober 1989 – jeweils in einer Auflage von mehreren 1.000 Exemplaren.

Daneben drucken die Aktivisten der UB zahlreiche andere Publikationen der Oppositionsbewegung. Es werden auch Flugblätter vervielfältigt. Nach der Gründung von neuen Bürgerbewegungen, Parteien und Initiativen 1989 sollen deren Aufrufe und Erklärungen unters Volk gebracht werden. Die Maschinen und Drucker arbeiten in dieser Zeit rund um die Uhr. Die UB-Druckerei ist praktisch die einzige freie Druckerei des ganzen Landes.

Vom 24. auf den 25. November 1987, eine Viertelstunde nach Mitternacht, dringen Generalstaatsanwalt und Interner Link: Stasi-Mitarbeiter in die UB ein und überrumpeln die Drucker, die gerade die neuste Ausgabe der Umweltblätter produzieren. Die anwesenden sieben UB-Aktivisten, darunter auch Uta Ihlow, werden festgenommen, ihre Druckmaschinen konfisziert. (Uta Ihlow berichtet im Zeitzeugen-Interview über ihr Engagement bei der UB, die Aktion „Falle“ und ihre Verhaftung. Auch Interner Link: Frank Ebert, der 1988 zur UB kommt und dort Drucker wird, erzählt seine Geschichte im Zeitzeugen-Video.)

Die Aktion "Falle" des Interner Link: Ministeriums für Staatssicherheit führt zu zahlreichen Protestaktionen in Berlin; Solidaritätsbekundungen für die UB kommen aus dem In- und Ausland. Aufgrund des internationalen Drucks muss die Stasi die Verhafteten freilassen. Die UB kann ihre Arbeit fortsetzen, zunächst durch die Hilfe von Mitarbeitern der Evangelischen Kirche, später durch Spenden aus dem Westen. Von dort werden Maschinen, Farbe, Computer und Drucker heimlich nach Ost-Berlin geliefert. Die UB wird über die Oppositionsszene hinaus bekannt und zum Symbol für erfolgreichen Widerstand gegen das Regime.

Die Stasi-Razzia legt der UB noch lange nicht das Handwerk

Wenige Monate später kommt es zu ernsthaften Konflikten in der Gruppe. Die Mehrheit der UB-Mitglieder lehnt es im Frühjahr 1988 ab, als Kopf eines DDR-weiten Netzwerks zu dienen, da man hier eine zentralistische, parteiähnliche Struktur befürchtet. Fünf Mitglieder der UB, unter ihnen Carlo Jordan und der 25-jährige Interner Link: Matthias Voigt, favorisieren diesen Gedanken jedoch. Sie gründen das Grün-ökologische Interner Link: Netzwerk Arche und geben die Samisdat-Zeitschrift Interner Link: Arche Nova heraus. Die Trennung verläuft nicht ohne persönliche Auseinandersetzungen, die durch Stasi-Interner Link: Spitzel noch verschärft werden. Diese gezielten Aktionen bleiben aber ohne Erfolg: Es entstehen zwei effektiv arbeitende Oppositionsgruppen.

Bis zur Revolution im Herbst 1989 ist die UB an allen wesentlichen Aktionen der Berliner Oppositionsgruppen beteiligt. Im Oktober 1989 organisieren die UB-Mitarbeiter zusammen mit Gleichgesinnten die Mahnwache an der Interner Link: Gethsemanekirche. Im September 1990 beteiligt sich die UB an dem Hungerstreik und der Mahnwache im Archiv der ehemaligen Stasi-Zentrale, wodurch das Stasi-Akten-Gesetz und die Öffnung der Akten erkämpft werden.

In den folgenden Jahren macht die UB noch ein paar Mal von sich reden, zum Beispiel bei der Organisierung der Schiffsbesetzung in Peenemünde, mit der der Verkauf von DDR-Kriegsschiffen an die indonesische Militärdiktatur verhindert werden soll. Die UB organisiert auch Aktionen gegen die russische Intervention in Tschetschenien. Im Dezember 1998 muss die UB aus finanziellen Gründen aufgelöst werden.

Fussnoten

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Super-GAU Tschernobyl, Abrüstungsverhandlungen, Honecker-Besuch, Glasnost und Perestroika, Sputnik-Verbot, Subkultur, Orange Alternative

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Im September 1986 ist Wolfgang Rüddenklau unter den Mitbegründern der Ostberliner Umwelt-Bibliothek (UB). Er konzentriert sich auf das Verfassen von Beiträgen für die „Umweltblätter“, in…

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Im Sommer 1986 wird die gelernte Bibliotheksfacharbeiterin von einem der Gründer der Umwelt-Bibliothek und dem späteren Mitbegründer der Grünen Partei Carlo Jordan gefragt, ob sie die Bibliothek…

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Ab September 1986 gibt die Umwelt-Bibliothek Berlin (UB) eine Publikation heraus, die zunächst als bloße Hausmitteilung geplant ist und auch entsprechend heißt: „Die Umwelt-Bibliothek.…

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Die Revolution erfasst das ganze Land. Doch wer soll es reformieren? Auf die Straße gehen vor allem junge Menschen. Die älteren übernehmen das Ruder in den neuen Gruppen und an den Runden Tischen.

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Aus Protest gegen die Inhaftierungen von Demonstranten Anfang Oktober 1989 beginnt in der Ostberliner Gethsemanekirche eine Mahnwache. Die Kirche wird im Herbst 89 zum Zentrum des Widerstands und zu…

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Eine der zentralen Forderungen im Herbst 1989 ist die Auflösung der Staatssicherheit. Ab 4. Dezember 1989 stürmen Bürgerinnen und Bürger die Burgen der Stasi. Am 15 Januar 1990 besetzen Berliner…

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Till Böttcher kommt 1987 durch den Liedermacher Stefan Krawczyk zur Umwelt-Bibliothek und wird in den engeren Kreis der Drucker aufgenommen. Mit 17 wird er das erste Mal von der Stasi festgenommen.

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Der Überfall auf die Umwelt-Bibliothek ist für die Stasi ein Eigentor. Die Mahnwache in der Zionskirche fördert die Solidarität der Bevölkerung mit den Verhafteten der Aktion „Falle“. Und…

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„Panzer wie in Berlin - Der 17. Juni 1953 in Magdeburg“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., zuletzt abgerufen am xx.xx.xxxx, www.jugendopposition.de/145350