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Und dann haben wir also beim Verteilen; das Herz hat hat bis zum Hals geschlagen. Ob man denn beobachtet wird und dass das gefährlich werden könnte, das war schon allen Beteiligten klar. Aber am nächsten Tag waren erstmal keine schlechten Nachrichten da und auch in den nächsten Tagen war nichts zu hören, dass irgendeiner verschwunden war. Wir hatten dann erstmal ausgemacht, dass die vier Leute…, dass wir uns erstmal gar nicht mehr treffen und sehen und erst mal aus dem Weg gehen, damit man auch nicht irgendwie so in Kontakt ist. Ja, und irgendwann – ich glaube, Wochen oder Monate später dann – hatte plötzlich Wolfgang Schröter eine Vorladung und Vernehmung bei der Stasi. Und da hatten sie ihn aber wegen, er hatte noch eine Fotomontage gemacht; gegen Wehrsport und hat die an Klaus Staeck geschickt und die Stasi hat eine Postkontrolle gemacht und hat das gefunden und hat dann gedacht: Naja, dann holen Sie mal den, weil das könnte ja derjenige sein, der das gemacht hat. Das war dann natürlich die Nachricht, die war dann schon sehr bedrohlich. Also da waren sie doch dicht dran. Das war aber ein reiner Zufall. Ja, dann sind viele Jahre ins Land gegangen. Das war ja dann nicht die einzige Aktion geblieben, aber sicherlich mit die aufregendste überhaupt, sofern die mich gefühlsmäßig aufgewühlt hat, an dem Ende der 80er Jahre, als dann doch in einer Gruppe…, also sich mehrere Oppositionsgruppen herausgebildet hatten und man dann schon etliche Leute kannte, mit denen man verschiedene Aktionen zusammen gemacht hat und da auch eine gewisse Sicherheit hatte, dass man nicht alleine steht, das war dann schon ein bisschen eine andere Situation. Ja, und dann war es mit der DDR zu Ende. Die Revolution hat sie hinweggefegt. Die Stasiakten wurden geöffnet 1992, und an das Flugblatt habe ich nicht mehr gedacht, so oft. Und dann haben wir uns, hatten wir also eine Forschung in der Gauck-Behörde und hatten verschiedene Akten auf dem Tisch. Ja, und da fällt mir doch plötzlich eine Stasiakte in die Hände und ich blättere die ersten Seiten um und sag: "Das ist doch mein Flugblatt." Und dann habe ich da nachlesen können, was Herr Zeise weiß, der damals der Zuständige der Kreisdienststelle in Weißensee war, der das aufklären sollte, wer dieses Flugblatt hergestellt hat, alles unternommen hat, um das herauszubekommen und es nicht geschafft hat. Und da habe ich plötzlich noch mal weiche Knie bekommen. Ich habe plötzlich die Paragrafen gelesen, die da alle dahinter standen. Und dann habe ich mir von einem Freund ausrechnen lassen, wie viele Jahre das bedeutet hätte an Knast. Und das war dann doch schon ein bisschen komisch. Aber andererseits war es eben so, das.… Also ganz toll war natürlich noch mal da zu lesen, dass alle von denen, die da beteiligt waren, dicht gehalten haben und keiner was verraten hat und die Stasi, obwohl sie von den Bausoldaten in Prora bis zu Thüringer Kirchenleuten die DDR rauf und runter versucht hat, die Urheber zu finden, es nicht geschafft hat.
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Foto: Tom Sello im September 1989 auf dem Gelände der Berliner Zionsgemeinde mit diversen Samisdat-Publikationen. Er verkauft zum Beispiel Umweltblätter und die Einzelausgabe Schuldenkrise. Die Ausgaben können gegen geringfügige Beträge gekauft werden. Gleichzeitig sammelt Tom Sello Unterschriften für Aufrufe und Petitionen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
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Interview: Johannes Mundo und Christoph Ochs
Produktion: 17.09.2007
Spieldauer: 5 Min.
hrsg. von: Robert-Havemann-Gesellschaft