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Dann haben wir überlegt, wie wir das denn machen könnten. Wir haben also in der Schönhauser Allee Nummer 20 gesessen, hoch oben über dem Senefelder Platz, und haben uns ein Flugblatt ausgedacht, in dem wir also eine Volksdiskussion über das Wehrdienstgesetz fordern und haben uns dann überlegt, wie man das herstellen könnte und wie man das machen könnte. Und da die Möglichkeiten, um ein Flugblatt herzustellen ziemlich begrenzt waren in der DDR – also es gab entweder die Möglichkeit, das mit einer Schreibmaschine zu schreiben, mit der Hand zu schreiben, oder mit Fotopapier zu vervielfältigen. Es gab keine Kopierer, es gab keine Computer, es gab keine Druckereien, die zugänglich waren, weil dort musste ja alles angemeldet werden. Also die drei Möglichkeiten waren da und da schien uns die Möglichkeit mit den Fotoabzügen doch die am besten geeignete, weil Handschriften waren natürlich zu erkennen. Das wussten wir auch, obwohl wir jetzt nicht so kriminaltechnisch ausgebildet waren aber das konnte man sich ausrechnen, dass die Schreibmaschinentypen auch nachzuvollziehen waren. Das wussten wir auch, hatten wir also schon gehört also war es auch nicht so klug, das mit einer Schreibmaschine zu machen. Also blieben die Fotoabzüge. Und wie stellen wir das nun her? Da gab es im Schreibwarenladen Abreibebuchstaben und dann haben wir uns einen Text ausgedacht, haben den auf ein Papier geklebt, mit den Abreibebuchstaben geschrieben, haben also auf die Verfassung der DDR hingewiesen und haben eine Diskussion zu diesem Wehrdienstgesetz gefordert. Und dann hatten wir das auf dem Papier aber wir beide waren technisch nicht in der Lage, das jetzt also zu fotografieren. Vielleicht. Also ich war höchstens ein Knipser, aber kein Fotograf und da braucht man andere dazu. Nun haben wir unsere Freunde, Hannes Büttner und Wolfgang Schröter, die beide Hobbyfotografen waren, eine Dunkelkammer hatten und auch selbst Fotoabzüge hergestellt hatten. Da haben wir also lange hin und her überlegt und dann haben wir sie gefragt, ob sie denn dabei mitmachen würden. Wir haben ihnen gesagt, ihr braucht nur die Abzüge zu machen, ihr müsst natürlich darauf achten, dass keine Fingerabdrücke drauf sind. Also wir hatten schon mit den Abreibebuchstaben da mächtig drauf geachtet, dass da nichts passiert. Und die beiden sollten also auch darauf achten; das mit Handschuhen machen und wie auch immer und sollten also diese Abzüge machen und sie sollten auch weiter gar nichts wissen. Und dann haben die sich einverstanden erklärt. Ich weiß gar nicht, ob die beiden voneinander wussten. Das kann ich gar nicht genau sagen. Ja, dann hatten wir, ich weiß nicht mehr wie viel Abzüge, ich kann es nicht sagen. Also jedenfalls irgendwann ein Stapel Abzüge in der Wohnung liegen. Das war schon aufregend. Und jetzt mussten die noch verteilt werden.
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Foto: Tom Sello im September 1989 auf dem Gelände der Berliner Zionsgemeinde mit diversen Samisdat-Publikationen. Er verkauft zum Beispiel Umweltblätter und die Einzelausgabe Schuldenkrise. Die Ausgaben können gegen geringfügige Beträge gekauft werden. Gleichzeitig sammelt Tom Sello Unterschriften für Aufrufe und Petitionen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke
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Interview: Johannes Mundo und Christoph Ochs
Produktion: 17.09.2007
Spieldauer: 4 Min.
hrsg. von: Robert-Havemann-Gesellschaft