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Uwe Schwabe - Die Leipziger Montagsdemonstrationen

Uwe Schwabe - Die Leipziger Montagsdemonstrationen

Die Friedfertigkeit und das Bekenntnis vieler Demonstranten, hier bleiben zu wollen, locken immer mehr Leipziger zu den Friedensgebeten in die Nikolaikirche.

Inhalt

Wir hatten uns am 4. September in der Mariannenstraße in Leipzig getroffen. Das war so ein inoffiziell besetztes Haus, wo wir in zwei Wohngemeinschaften zusammen gewohnt haben. Gesine Oltmanns, Rainer Müller, Interner Link: Frank Sellentin, die haben da, in zwei Wohnungen verteilt, gewohnt. Dort haben wir uns getroffen und vier Transparente gemalt: ´Interner Link: Reisefreiheit statt Massenflucht`, ´Für ein freies Land mit offenen Grenzen`.
Wir wussten natürlich, dass die Mariannenstraße immer vom Interner Link: MfS [Interner Link: Ministerium für Staatssicherheit] überwacht wird. Wir haben überlegt, wie wir zur Interner Link: Nikolaikirche kommen. Die werden das nicht zulassen, obwohl die von der Aktion gar nichts wussten. Wir haben die Transparente unter unseren Jacken versteckt und sind zur nächsten Straßenbahnhaltestelle gegangen. Da sind uns natürlich vier Leute hinterher gekommen. Wir haben uns überlegt: Wir werden versuchen, denen ein Schnippchen zu schlagen. Wir sind in die Straßenbahn hinein, die Leute auch, und kurz bevor die Straßenbahn abklingelte, sind wir wieder hinaus gesprungen.

Über so viel Spontaneität waren die MfS Leute so erschüttert, dass die in der Straßenbahn stehen blieben. Die Tür war zu, und die Straßenbahn fuhr ab. Wir gingen zu Fuß in die Innenstadt, zur Nikolaikirche, haben Leute gesucht, die die Transparente mittragen und haben sie nach dem Friedensgebet auf dem Nikolaikirchhof entrollt. Dort war alles voller westlicher Kameras und Journalisten, die ja schon wussten, dass es 1989 in Leipzig gärte. Und da sind sie auch nach Leipzig gekommen, sonst waren sie nur in Berlin. Diese Bilder sind über alle Medien gesendet wurden. Jetzt haben die Leute kapiert, dass das nicht nur Leute sind, die ausreisen und abhauen wollen, sondern solche, die hier bleiben wollen.

Wir haben das auch gerufen: ´Wir bleiben hier!`. Es gab zwei Fraktionen, die eine rief: ´Wir bleiben hier!`, die andere: ´Wir wollen raus!`. Das hatte den Effekt, dass einen Montag später, am 11. September, 1.000 Leute mehr kamen. Da waren keine westlichen Kameras mehr da und da haben MfS und Polizei zugeschlagen und 120 Leute festgenommen. Wir haben dann so eine Koordinierungsgruppe gegründet, haben jeden Tag Fürbitt-Andachten in der Nikolaikirche gemacht. Wir haben an einem Montag einen Blumenstrauß an das Fenster der Nikolaikirche gemacht, mit einem Zettel: ´Freiheit für die Inhaftierten`. Jeden Montag wurden das mehr Blumen. Die Nikolaikirche war ringsherum mit Blumen und Gestecken zu, richtig geschmückt. Der Anlass war eigentlich gar nicht feierlich, aber es war richtig toll. Dann wurden Kerzen an der Nikolaikirche abgestellt.

Das hatte den Effekt auf die Leute, dass sie sagten: ´Jetzt muss ich da selber mal hingehen, selber gucken`. Von irgendwelchen Randalierern stand immer etwas in der Zeitung. Aber auf einmal kommen da Leute aus der Kirche heraus und singen ein Lied und geben den Polizisten als friedliche Geste Blumen in die Hände. Da haben die Leute gemerkt, dass es gar nicht stimmt, was in den Zeitungen steht, was die offizielle Propaganda mitteilt. Die Leute sind ganz friedlich, die wollen nur etwas in diesem Land verändern, die wollen etwas verbessern. Es ging damals nicht um die Abschaffung der DDR, es ging um eine Reformierung dieses Landes à la Gorbatschow als Vorbild, Interner Link: Perestroika ...

Jeden Montag kamen immer mehr Leute. Es wurde im Arbeitskollektiv darüber gesprochen, es wurde in den Familien darüber gesprochen. Erst waren es 30.000, dann waren es 40.000, und am 9. Oktober waren es 70.000 Leute. Was keiner vermutet hatte.

Uwe Schwabe, Zeitzeuge auf www.jugendopposition.de

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  • Produktion: 2004

  • Spieldauer: 4 Min.

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