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Radio Glasnost: Kommentar der Umweltblätter zur Ausreisewelle 1988

Radio Glasnost: Kommentar der Umweltblätter zur Ausreisewelle 1988

Ende der 1980er Jahre spitzt sich die Auseinandersetzung zwischen Oppositionellen und Ausreisewilligen immer mehr zu. Die Umweltblätter nehmen zu dieser Problematik Stellung.

Inhalt

Moderatorin:
„Eine der weitestgehenden Positionen zu diesem Punkt wird von Mitarbeitern der Umwelt-Bibliothek bezogen. Im Folgenden ein Kommentar aus den Umweltblättern.“

Sprecher:
„Westliche Medien schreien Tag für Tag die Sensation aus: Das viel zitierte Volk der DDR scheint im 39. Jahr seines Bestehens in zwei Lager gespalten – die, die sofort gehen möchten, und die anderen, die noch eine Weile bleiben wollen. Alle naselang gibt es eine neue Demonstration von Ausreisewilligen in einer anderen Stadt der Republik, ob in Wismar, Berlin, Leipzig, Jena oder sonstwo. Seitenweise liegen uns Berichte über die Sensationen der letzten Monate vor: Demonstrationen, Zuführungen, Vernehmungen, Gerichtsurteile, Ausreisen. Mit geringer Mühe könnten wir eine republikweite Chronik der Ausreisebewegung zusammenstellen. Wir wollen aber nicht! Natürlich wird es in jedem Land und zu jeder Zeit für einige Menschen ernsthafte politische, persönliche oder wirtschaftliche Gründe zum Verlassen des Landes geben. Aber – Staatssicherheitsdienst hin, Obst- und Gemüseversorgung her – es muss doch einmal gesagt werden, dass die DDR zwar nicht die vollkommenste aller Welten ist, aber hinsichtlich des wirtschaftlichen Wohlstandes der Bevölkerung mit Italien und Großbritannien zu vergleichen ist, und die Mitbestimmungs- und Menschenrechte zwar nicht garantiert sind, aber bei Weitem nicht so brutal mit den Füßen getreten werden wie in den bekannten Hinterhofdiktaturen der USA. Die DDR ist nach Weltmaßstäben kein so unerträgliches Land, dass eine derartige Massenflucht verständlich wäre. Es gäbe genügend Gründe zu bleiben, um ein erträgliches Leben in ein besseres umzugestalten. Das würde freilich ein wenig Nachdenken und einige Unbequemlichkeiten erfordern und ist offenbar für den zur Versorgungsmentalität erzogenen Großteil der Bürger eine Überforderung.
Adäquater und naheliegender ist es, den Traum vom Schlaraffenland Bundesrepublik zu träumen, von Smarties, Onko-Kaffee, Wienerwald-Hähnchen und einer feenhaften Freiheit. Und gar nicht so wenige Unentwegte unternehmen es, die Interner Link: Mauer zu diesem Märchenland durchbrechen zu wollen, die in diesem Fall leider nicht aus Müller-Milchreis besteht. Kein Zweifel, auf eine kuriose Weise scheinen unsere Landsleute, unsere lieben Deutschen, immerhin ihren Mut wiederentdeckt zu haben. Nicht für die paar selbstverwalteten Projekte in der DDR. Die stehen nach wie vor vereinzelt da – beargwöhnt, gehasst und verfolgt von den einen und bewundert, überschätzt und überlastet von den anderen. Kaum jemand kommt auf den Gedanken, dass sie zum Neubeginn aufrufen, dass man aussteigen könnte, um irgendwo im Lande eine Keimzelle für eine neue Art von Gemeinschaft zu schaffen, dass aus tausend Keimzellen eine Gesellschaft von unten entstehen könnte, dass eine Solidargemeinschaft von Tausenden nur schwer zu brechen ist. Dies alles scheint zu schwierig. Das ist diesen Leuten nicht möglich. Aber für einen Umzug von Deutschland nach Deutschland ist der Mut nicht zu klein. Da steigen unsere Bürger zu Tausenden aus und stellen Karriere, Besitz und Familie beiseite, riskieren sogar Gefängnisstrafen. Da werden plötzlich Selbsthilfegruppen geschaffen, andererseits aber auch Kinder als Geiseln zu Demos mitgeschleppt, Frau und Kinder sitzen gelassen, Freunde und Solidarisationswillige verraten. Da ist jedes Mittel recht.
Landesweit haben sich, mit wenigen Ausnahmen, die Basisgruppen entschieden, nur in Einzelfällen Solidarität mit Ausreisewilligen zu üben. Das geschah nach bitteren Erfahrungen mit der Solidarisationsunfähigkeit und Egozentrik dieser Leute. Überall wurden unsere Gruppen nur benutzt, um das begrenzte Ziel der Ausreise zu erreichen. Falls es ins Konzept passte, verrieten uns die Ausreisewilligen mit Begeisterung an die Behörden. Im Westen angekommen, gaben sie sich vor der Presse als Menschenrechtler oder Mitglieder von Friedens- und Umweltgruppen aus und verhöhnten und usurpierten unseren Namen. Für diese Art von Mut gegenüber den Schwachen fehlt uns das Verständnis. Für diese Karikatur einer Bewegung rühren wir keinen Finger mehr! Schlaraffenland – nein danke!“

Foto: „Ich will nach den Westen“: Kinderschrift mit Kreide vor der Sophienkirche in Ost-Berlin. Quelle: Barbara Hanus/Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_HAB_13630.

Mehr Informationen

  • Produktion: 08.1988

  • Spieldauer: 4 Min.

  • hrsg. von: Radio Glasnost