mir angeboten wurde, mir die Mitschnitte anhören zu dürfen.
Die Befragung dauerte mehr als zwei Stunden. Sofort nach ihrem Ende wurde mir eröffnet, daß gegen mich ein Ermittlungsverfahren gemäß § 220-öffentliche Herabwürdigung-eingeleitet wird. Es folgte eine erste Vernehmung, die aber, da ich das Protokoll der vorhergehenden Befragung für ausreichend erklärte, nicht allzu lange dauerte. Da ich mich in der Vernehmung versehentlich einmal verplappert hatte-ich äußerte bedauerlicherweise, daß wir für die Wahrheit demonstrieren wollten/eintraten/oder so ähnlich, während die Herren vom MfS die Lüge verteidigten (die Lüge, nicht die Dummheit)-machte ich diesmal von der Möglichkeit, mir den Mitschnitt anzuhören, teilweisen Gebrauch.
Gegen 22.15 waren Befragung und Vernehmung beendet.
Wieder in einer Zelle, traf ich noch einmal mit dem Gorbatschow-Leser zusammen, der mir dann erzählte, daß ihm keine provokative Absicht nachzuweisen wäre, da er die Broschüre gerade erst in der Buchhandlung am Alexanderplatz gekauft hatte und dies mit einem Kassenzettel belegen konnte.
Außerdem war in der Zelle ein Schlaraffen-Bewegter, der auf meine Frage nach dem Grund seiner Verhaftung in einer merkwürdigen Art von Glasnost äußerte, daß er glaubte, durch sein Erscheinenn auf dem Alexanderplatz seine Ausreise beschleunigen zu können.
Noch vor 23.00 wurde ich in die Keibelstraße gefahren, wo sich erst nach längerem Verwirrspiel herausstellte, daß ich dort nichts weiter als übernachten sollte. Da schlecht geschlafen-bei Licht und reichlich lauter Klimaanlage oder was immer das war-immer noch besser ist als gut gestanden (wie z. B. Pfingsten 87 in einer Garage des inzwischen berühmt-berüchtigten VP-Reviers in der Marchlewskistraße), möchte ich deswegen aber nicht klagen.
Am 8.7. wurde ich kurz nach 6.00 von einem Lichtenberger Staatsanwalt und zwei Zivilen abgeholt und mit der Mitteilung verblüfft, daß sie nun mit mir zur Haussuchung fahren würden, ich dann gleich zu Hause bleiben könne. Verblüffend war dies deshalb, weil ich glaubte, die Haussuchung wäre längst erfolgt, hatte ich doch dem Vernehmer am Vorabend noch die richtigen Schlüssel gezeigt und ihm versichert, daß ich weder Schlangen noch Hunde in meiner Wohnung habe (daß Mäuse vorhanden sind, vergaß ich allerdings zu erwähnen). Diese Haussuchung dauerte ca. von 6.30 bis 7.30, beschlagnahmt wurde-nachdem die Genossen von ihrer anfänglichen Absicht, das Gros meiner unschuldigen Hefte-bis hin zum Hefte mit Yoga, Autogenem Training und Ähnlichem-mitzunehmen, wieder Abstand genommen hatten, fast nichts, lediglich einige Aufkleber mit dem chinesischen Schriftzeichen für "Demokratie", die ich vergeblicherweise noch in meiner Wohnung herumzuliegen hatte, sowie fünf Blätter mit Gedichten, darunter originellerweise ein Text von Jewtuschenko, von dem ein Exemplar bei einer im November 88 bei mir durchgeführten Haussuchung schon einmal beschlagnahmt worden war-wobei ich allerdings zugeben muß, diesmal nachgeholfen zu haben, indem ich fragte, ob das Blatt mit diesem Gedicht diesmal etwa nicht beschlagnahmt werden soll.
Einer der Genossen sagte zum Abschied zu mir: "Bis zum nächsten Mal." Dafür, daß die Genossen auch dann wieder ein Exemplar des Jewtuschenko-Textes mitnehmen können, sorgte ich gleich im Anschluß an die Haussuchung.
Olaf Staps