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Proteste gegen den Wahlbetrug

Proteste gegen den Wahlbetrug Abschrift

Bericht über meine Erlebnisse am 7./8.Juli

Schon auf dem Weg zum Alexanderplatz hafteten sich zwei Herren im besten Alter und ein schon etwas älteres Paar oder Pseudopaar an meine Fersen,jedoch konnte ich diese vier dank der zweieingängigen Centrum-Kaufhalle wieder loswerden.
Da es aufgrund des massiven Aufgebots an uniformierten und vor allem zivilen Sicherheitskräften nicht möglich war,daß wir,die wir gegen die Ergebnisse der sogenannten Wahlen vom 7.Mai protestieren wollten,uns zu einer größeren Gruppe versammelten und den geplanten Sitzstreik durchführten,stand und lief ich mit einigen anderen auf dem Alexanderplatz herum.
Gegen 17.20 wurde ich von einem Mann angehalten,der sich als Kriminalpolizei ausgab,mir dann jedoch einen MfS-Ausweis vor die Nase hielt.Auf die Frage,warum meine Personalien festgestellt würden,antwortete er mir,ich hätte zuvor Diskussionen geführt,in denen ich die Wahlergebnisse an Frage stellte.Dies entspricht allerdings den Tatsachen,da ich einige Minuten zuvor einem Bürger,der offensichtlich zu den rein zufällig Anwesenden gehörte,die Situation und unser Anliegen erklärt hatte.Außerdem hatte ich mehrfach Kommentare von mir gegeben,z.B.über den hoffnungsvollen Karl-Eduard-von-Schnitzler-Nachwuchs,der auf dem Alexanderplatz Proben seines Könnens gab,über deren Arbeiter-und-Bauern-Plausche-und-Doppelkinne usw.
Nach Feststellung meiner Personalien im Eingang zur Sparkasse am Alexanderplatz wurde mir gesagt,daß ich mitkommen soll.Da ich in meiner Tasche ein ca. 1,20 x 0,60 m großes Plakat mitführte,von dem ich mir nun sagte,daß es bei der mit Sicherheit noch folgender Taschenkontrolle ohnehin gefunden werden würde,entschloß ich mich sehr spontan,das gute Stück wenigstens noch einmal kurz vor die Augen der Öffentlichkeit zu bringen.Da ich es zu Hause zwei,dreimal geübt hatte,das Plakat möglichst schnell zu entfalten,hatte ich damit nun wenig Mühe.Freilich nutzte das wenig,denn die Genossen vom MfS rissen das Plakat sofort in mehrere Stücke,so daß ich bezweifle,ob das darauf Geschriebene überhaupt von jemandem so schnell gelesen werden konnte:
ZU DUMM ZUM ADDIEREN
ABER EIN Ganzes LAND REGIEREN
Ich wurde einigermaßen unsanft wieder ins Treppenhaus der Sparkasse befördert,um den linken Arm wurde mir eine Kette gelegt.Später wurde ich in den bereitstehenden Bus gebracht,der schließlich mit 13 Delinquenten und den Bewachern ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Rummelsburg fuhr.In der Zeit,als der Bus noch am Alexanderplatz stand,sorgten unsere Bewacher übrigens dafür,daß auch wir Bewachten auf unseren Spaß kamen:ein Grüner fauchte einen Zivilen,der ohne Erlaubnis in die Mitte des Gelenkbusses gegangen war und mit zwei anderen Zivilen sprach,an,er solle sich wieder hinsetzen."Da sind Sie an den Falschen geraten!",meinte der.Da hätten sie fast mal den Richtigen festgenommen...
Einer der 13 Festgenommenen wurde einige Meter vorm Bus von einem Uniformierten geschlagen,was mehrere der im Bus Sitzenden beobachteten.
Von da an habe ich keine unkorrekte bzw.brutale Behandlung mehr erfahren oder beobachtet,durchaus überraschend angesichts der sadistischen Prügel-Vorfreude,die sich in Gestik und Mimik einiger der zu unserer Bewachung eingesetzten gummiknippelbewaffneten Berufsunteroffiziere der VP verriet.
In der Zelle saß ich zuerst mit jemandem zusammen,der unter der Weltzeituhr in einer Gorbaschow-Broschüre gelesen hatte,in einem Abschnitt,der wohl überschrieben war"Über Offenheit".Außerdem war in der Zelle ein angetrunkener junger Mann,der zufällig,nach Verlassen einer Kneipe,auf den Alex kam,dort beobachtete,wie eine Frau brutal weggezerrt wurde,sich darüber so empörte,daß er,der wiegesagt ziemlich alkoholisiert war,die Kontrolle über sich verlor und reichlich geharnischte Reden gegen unseren lieben Staat hielt.(Ich habe das zwar teilweise selbst beobachtet und einiges gehört,kann mich aber nicht entsinnen,was er genau sagte,er selbst sich übrigens auch nicht-jedenfalls war es ausreichend,um ihm ein Strafverfahren anhängen zu können.Deshalb ließ ich mir vorsichtshalber von ihm die Adresse geben.)
Nach 19.00 wurde ich zur Befragung geholt.Die Befragung verlief korrekt,ich bekam zu trinken,mir wurden Zigaretten angeboten,die ich als Nichtraucher dankend ablehnte.Die Befragung wurde auf Tonband mitgeschnitten,wobei ich
Bericht von Olaf Stabs über seine Erlebnisse nach der Verhaftung auf der Demonstration gegen den Wahlbetrug am 7. Juli 1989. Seite 1 von 2