Hier ist die Transkription des abgebildeten Dokuments:
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BStU
000299
An alle Berliner Gemeinden und Basisgruppen
Aufruf zum Boykott aller Kinoveranstaltungen in der Zeit
vom 11. - 18.12.1988
In der letzten Zeit kam es zu verstärkten Zensurmaßnahmen in
Presse und Film. Alle Zeitungen und Zeitschriften, die in der
DDR vertrieben werden, sind davon mehr oder weniger stark
betroffen, so ist zum Beispiel seit dem 18.11. die deutsche
Ausgabe der sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" aus der Post-
zeitungsliste gestrichen. "Sie bringt keinen Beitrag, der der
deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, statt dessen ver-
zerrende Beiträge zur Geschichte", so die Begründung laut ADN.
Seit dem 24.11. wird auch die "Budapester Rundschau" nicht mehr
vertrieben.
Des weiteren wurden fünf sowjetische Filme, die bereits in
unseren Kinos angelaufen waren, vom Spielplan gestrichen.
Dabei handelt es sich um "Die Kommissarin", "Der kalte Sommer
des Jahres '53", "Und morgen war Krieg", "Spiele für Schulkinder"
und "Das Thema". Bisher gibt es dazu von unseren Behörden keine
offizielle Stellungnahme.
Wir sehen in diesen Maßnahmen einen Rückschritt in der von uns
erhofften und notwendigen Öffnung in allen Bereichen der Kultur.
Eine offene Diskussion, wie sie derzeit in der Sowjetunion über
historische und aktuell-politische Fragen geführt wird, ist
auch in unserem Land notwendig. Differenziert-kritische
Meinungsbildung wird durch diese Zensurmaßnahmen erschwert.
Aus diesem Grunde rufen wir Euch auf zum Boykott aller
Kinoveranstaltungen in der Zeit vom 11. - 18.12. 1988 und bitten
Euch um eine Solidarisierung mit dieser Aktion. Sucht auch
nach eigenen Aktions- und Protestformen, um deutlich zu machen,
daß wir mit diesen entmündigenden Maßnahmen nicht einverstanden
sind.
Berlin, den 24.11.1988 Der Weißensee'r Friedenskreis
- Nur zum innerkirchlichen Dienstgebrauch -