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Biographie Matthias Domaschk

Biographie Matthias Domaschk Abschrift

5. November 1978, Brief von Matthias Domaschk während seiner Armeezeit an seinen Freund Klaus-Dieter Siegel (Heppe)

5.11.78

Hallo Klaus Dieter !

6 Monate können ganz schön deprimieren. Es langen sogar schon ein paar Tage. Und dann um einen herum nichts, nichts, nichts. Kaputt. Ich habe jetzt schon 2 x hintereinander DYLAN gehört, und wenn ich es mir jetzt noch ein drittes Mal anhöre, werde ich vielleicht auch noch um einen „dritten“ Grad trauriger, fertiger. Gestaltungsgründe, zumindest Probleme gibt es eine Menge, die man in diesen 170 Tagen bearbeiten müsste, das einzig was es nicht gibt, ist ein Brunnen. Mittlerweile ist es schon (wieder mal) so weit, daß mich sogar die Bibliothek anödet. Verlogene Schuppen-Prestige-Bücherberge, ach was haben wir alles hier für unsere jungen Genossen Soldaten. Lest, lest, schlagt die Zeit tot, lest, um die Zeit totzuschlagen, aber ja nicht um zu lernen. Geht ins Kino, reagiert euch ab in mondänen massenhysterischen POP-Filmen (ABBA)...
Und da liege ich nun in meinem Bett, habe einen Haufen wilder Ideen, die ich hier nie verwirklichen kann. Vielleicht ist es ein sagenhafter Lebenshunger. Ich könnte Stunden damit zubringen, zu träumen. Das Resultat davon wäre wahrscheinlich, daß ich zwischen den Träumen fieberhaft die Tage zählen würde, Stunden, und das würde (wird?) nur noch depressiver. Im Radio habe ich heute einen Report von der Warschauer Jamboree gehört. Es war wie ein Film, ich habe an voriges Jahr gedacht.
Schwarzmalerei: Man braucht doch nicht mal den Dollarkurs zu studieren. Die Entwicklung hier würde schon langen, um ein Bild in den finstersten Farben zu malen. Ich glaube, wenn es wieder so weit ist, hat man auf allen Seiten „echte Patrioten“ erzogen. Man kann nur hoffen, daß es Schwarzmalerei ist !! Man muß darauf hoffen.

Tut mir leid, Heppe, daß der Brief wieder mal etwas chaotisch ist, aber so fühle ich mich zur Zeit. Das Gespräch, das wir hatten, habe ich noch vor Augen (recht gut sogar) – ich bin bis jetzt keinen Schritt weiter gekommen.

das Bild der EISBERGE?!

Ich lese gerade KEROKAL – es schafft mich ganz schön. Mehr kann ich jetzt dazu nicht sagen.
Ich habe noch ein zweites Buch für dich bekommen und werde es nächste Woche abschicken.

bis bald
Matz

Es müsste viel mehr und tiefer geredet werden (ohne Mystifikation!), manchmal ist man nicht gerade sehr weit weg vom Mystiker entfernt.
„Es müsste viel mehr und tiefer geredet werden“: Während seiner Armeezeit schreibt Matthias Domaschk an seinen Freund Klaus-Dieter Siegel (Heppe) diesen Brief (5. November 1978). (© Robert-Havemann-Gesellschaft, Seite 2 von 2, RHG_Fak_0047_a)