An den
Vorsitzenden des
Staatsrates der DDR
BStU
000025
Frankfurt(Oder), den 10.10.67
000027
Sehr geehrter Herr Vorsitzender des Staatsrates
der Deutschen Demokratischen Republik!
In jüngster Zeit kam es in Frankfurt(Oder) zu einigen Vorkommnissen,
die unserer Meinung nach einer Aufklärung bedürfen.
Wie in allen größeren Städten der DDR gibt es auch in Frankfurt
Gruppen von Jugendlichen, die wahrscheinlich noch nicht das richtige
Verhältnis zum Leben in unserem Staat gefunden haben und das auch
nach außen hin zu dokumentieren suchen.
Die Ordnungsgruppen der FDJ schritten willkürlich gegen Jugendliche
ein, wobei es zu unschönen Szenen in der Öffentlichkeit kam.
Wir sind nicht einverstanden mit der Lebensauffassung dieser
Jugendlichen, jedoch glauben wir, daß die FDJ andere Möglichkeiten
hätte, erzieherisch auf sie einzuwirken.
Durch Abschneiden von Haaren, so glauben wir, kann man die geistige
Haltung von Menschen nicht beeinflussen.
So scheint es uns nicht verwunderlich, daß zwei Jugendliche, die
von ihren Betrieben positiv eingeschätzt werden, spontan reagierten.
Sie verfaßten ein Plakat, auf dem sie gegen diese Ausschreitungen
protestierten und brachten dieses öffentlich an. Soweit uns bekannt
ist, war der Text in sachlicher Form gehalten und in keiner Weise
beleidigend.
Diese beiden Jugendlichen sind seit einer Woche verhaftet.
Wir meinen, daß es an der Zeit wäre, diese Vorfälle in der Öffentlich-
keit zu diskutieren, um den Gerüchten, die bereits im Umlauf sind,
Einhalt zu gebieten.
Wir hoffen auf baldige Klärung und bitten dieses Schreiben als
öffentliche Eingabe zu betrachten.
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Kopie BStU
Außenstelle Frankfurt (O.)