Langhaarige, Beatfans und Gammler
Über 500.000 Jugendliche aus beiden deutschen Staaten kommen Pfingsten 1964 zum III. Deutschlandtreffen der FDJ nach Ost-Berlin. Im Bild die
sogenannte Kampfdemonstration, bei der die Teilnehmer an der Ehrentribühne vorbeimarschieren.
Beatmusik als „Nervengift des Klassenfeindes“: Nach einem Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965 zerlegen aufgebrachte Teenager die
Westberliner Waldbühne zu Kleinholz und randalieren anschließend in der S-Bahn. Die DDR-Medien, allen voran das SED-Zentralorgan Neues Deutschland, entfachen daraufhin eine gigantische Propagandaschlacht gegen die Beatfans im eigenen Land. In den Augen der SED-Führung muss die DDR-Jugend vor dem Beat geschützt werden. Im Bild: ein Artikel der Bild-Zeitung, der im Neuen Deutschland veröffentlicht wird.
Zu den beliebten DDR-Beatgruppen in den 1960er Jahren gehört die Band Diana-Schau-Quartett. Sie ist bekannt für ihre action geladene Show und den
harten Rhythm 'n' Blues. Sie spielt Titel der Rolling Stones, der Animals und der Kinks. Im Bild: Frontmann Achim Mentzel, 1965.
Kamm drüber: Im Oktober 1965 veröffentlicht die DDR-Satirezeitschrift Eulenspiegel eine Persiflage auf Beatfans und Beatgruppen. Das Titelbild zeigt
den Bassisten der Beatgruppe Diana-Show, Jörg Schütze.
Besonders aufs Korn nimmt der Eulenspiegel eine Gruppe von jugendlichen Beatfans, die sich regelmäßig im Verbindungstunnel des Ostberliner Bahnhofs
Lichtenberg treffen und durch ihr extremes Outfit sowie laute Musik aus Kofferradios für Empörung sorgen. Die meisten von ihnen sind Lehrlinge und kommen aus der 20 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Kleinstadt Werneuchen. Freunde aus Berlin gesellen sich zu ihnen in den Tunnel, um Musik zu hören und die Zeit bis zum nächsten Beatkonzert zu überbrücken.
Die Gang vom Lichtenberger Tunnel: Zu ihren Markenzeichen gehören lange Haare und extravagante Kleidung, durch die sie sich von der Alltagskluft der
Mitläufer abheben wollen.
Kurzer Prozess: Weil er sich an einer Protestresolution gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt Truppen in die Tschechoslowakei beteiligt, schneidet
die Stasi einem Jugendlichen aus Lübbenau 1968 gewaltsam die langen Haare ab.
„Das Auftreten dieser Kapelle steht im Widerspruch zu unseren moralischen und ethnischen Prinzipien“, lautet die Begründung zum Verbot der
Butlers Ende Oktober 1965. Im Bild: die Butlers 1965.
Fast alle Leipziger Beatgruppen werden abgeschafft: Mithilfe eines Kinderstempelkastens fertigen drei Leipziger Schüler dieses Flugblatt an, mit dem
sie zu einer Demonstration gegen die Verbote aufrufen.
Mit diesem Kinderstempelkasten aus dem Spielwarengeschäft fertigen die Jugendlichen Flugblätter gegen das Verbot der Butlers an. Nach ihrer
Festnahme beschlagnahmt die Staatssicherheit den Stempelkasten und verwendet ihn als Beweismittel.
Schwerwiegendes Beweismittel: Einer der Jugendlichen verewigt seine Helden auf seiner Federtasche, die bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmt wird.
Massives Polizeiaufgebot gegen friedlich demonstrierende Beatfans: Am Vormittag des 31. Oktober 1965 versammeln sich etwa 2.500 Personen in der
Leipziger Innenstadt, unter ihnen circa 500 bis 800 Beatfans. Der Rest sind FDJ-Funktionäre, Genossen und Sicherheitskräfte in Zivil. Sie setzen Hunde und Wasserwerfer auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz ein.
Am Ende der Beatdemo werden 267 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren abgeführt. 97 von ihnen werden zur Zwangsarbeit in die Tagebaue von Kitscher
und Regis-Breitingen zur sogenannten Umerziehung gesteckt – ohne Gerichtsurteil und bis zu sechs Wochen. Im Bild: Einsatz von Wasserwerfern auf der Beatdemo am 31. Oktober 1965.
Plädoyer für die inhaftierten Beatfans: Nach der gewaltsamen Auflösung der Demonstration am 31. Oktober 1965 verfasst ein Leipziger Schüler ein
weiteres Flugblatt, welches er allerdings nicht mehr verteilt.
Notizen des MfS auf der Rückseite des Flugblatts.
Als Gegenstück zur Beatmusik initiert die FDJ in der ersten Hälfte der 1960er Jahre eine Jugend-Massenbewegung. Sie will die aus den USA kommenden
Protest- und Folksongs politisch instrumentalisieren und eigene Lieder mit propagandistischen Texten popularisieren. Zahlreiche Singegruppen bilden sich, so 1966 auch der Hootenanny-Klub, der 1967 in Oktoberklub umbenannt wird. Im Bild der Oktoberklub und der Herderclub beim gemeinsamen Vortrag unter dem Motto "Sag mir wo du stehst", 27. Juli 1968.
Zwischen 1970 und 1990 findet alljährlich im Februar das Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin statt. Das Festival, vom Oktoberklub
begründet, ist eine der größten Musikveranstaltungen in der DDR. Im Bild Hartmut König vom Oktoberklub beim Festival des politischen Liedes im Februar 1970.
Der Oktoberklub während einer Festveranstaltung im Friedrichstadtpalast zum 25. Jahrestag der FDJ-Gründung, 12. März 1971.
In Frankfurt (Oder) schneidet die FDJ-Ordnungsgruppe Jugendlichen gewaltsam die langen Haare ab. Dagegen regt sich jedoch Widerstand. Eingabe gegen
das Vorgehend der FDJ-Ordnungsgruppe vom 10. Oktober 1967.