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Mediziner in Greifswald

Mediziner in Greifswald Abschrift

Berichte eines Medizinstudenten über die Vorkommnisse vom 30. und 31. März 1955.

Bericht über die Vorkommnisse im staatlichen Gefängnis Greifswald Domstraße, am 30. und 31.3. bzw. 1.4.1955

Ich verfasse diesen Bericht, indem ich mich auf ein Versprechen berufe, welches ein Angehöriger des Staatssicherheitsdienstes im Staatssekretariat für Staatssicherheit Abteilung Auskunft, Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße, Fräulein stud. med. Fridrun Weber abgenommen hat, wonach sie ihm sachliche Berichte über die Vorkommnisse im Greifswalder Gefängnis am 30. und 31.3. bzw. 1.4.1955 zur Verfügung stellen soll.

Nachdem ich ca. eine ¾ Stunde im Treppenhaus des Greifswalder Universitätsgebäudes gestanden hatte, wurde ich zusammen mit ungefähr 25 anderen Studenten per Lastkraftwagen in das Gefängnis transportiert. Dort mussten wir zunächst unsere Personalausweise abgeben und wurden dann in die Zelle 50 eingewiesen. In dieser Zweimannzelle befanden sich, solange ich darin war, stets zwischen 27 und 30 Studenten, die, da nur ein Bett und ein Hocker als Sitzgelegenheiten vorhanden waren, den überwiegenden Teil der Zeit stehen mussten. Die Luftverhältnisse entsprechen der Überfüllung dieser Zelle. Wir konnten uns durch Klopfen an der Tür bemerkbar machen, jedoch wurden unsere Wünsche nur langsam erfüllt bzw. wurden wir gewarnt, allzu oft zu klopfen. Eine halbe Stunde nach Einweisung in die Zelle wurden wir zur Personalaufnahme beordert. Während des Stehens vor der Tür zu dem Raum, in welchem die Personalaufnahme erfolgte, wurde das Sprechen streng verboten. Ein Student, der doch etwas sagte, wurde angeschrien: "Stellen Sie Ihre Unterhaltung ein!" Da wir gerade wieder in die Zelle zurückgingen, und ich der letzte in der Reihe war, hatte ich Gelegenheit zu hören, wie der Volkspolizist, der die oben erwähnten Worte gesprochen hatte, zu einem seiner Kollegen sagte: "Diese Schweine".

Da wir um 21 Uhr 15 eingewiesen worden waren, meine erste Vernehmung aber erst ca. um 5 Uhr erfolgte, verbrachte ich 8 Stunden mehr oder minder stehend in einer mit 30 Studenten gefüllten 2-Mann-Zelle. Vernommen wurde ich von zwei Herren in Zivil, deren einer mich fragte und protokollierte; der andere Herr kam etwas später zur Vernehmung dazu und stellte laufend, mich unterbrechend, Zwischenfragen. Die Vernehmung dauerte eine reichliche halbe Stunde. Nach dem Verhör wurde ich in Zelle 33 eingewiesen; dort befanden sich überhaupt keine Sitzgelegenheiten, nur ein Strohsack. Bis zu meiner erneuten Abberufung zum 2. Verhör hatte sich diese Einmannzelle auch mit ca. 15 Studenten gefüllt. Zwischen 7 und 8 Uhr früh wurde ich ein zweites Mal vernommen, bekam dann gegen 9 Uhr meinen Personalausweis zurück und wurde freigelassen, nachdem ich im Rahmen einer Unterredung mit einem Herrn in Zivil eine Verpflichtung betreffs Anerkennung der Universitätsordnung Greifswald unterzeichnet hatte. Dieser Herr nahm mir auch das Versprechen ab, draußen, d.h. außerhalb des Gefängnisses, nichts von meinen persönlichen Erlebnissen zu berichten.

Dieses Versprechen wurde meines Wissens den meisten der zu entlassenden Studenten abgenommen, worauf es auch zurückzuführen ist, dass fast keiner sich bewegen ließ, einen Bericht in der Art, wie ihn der vorliegende darstellt, zu verfassen. Ich nehme deshalb hier Gelegenheit, noch einige Vorkommnisse, die nicht meine Person betreffen, anzuführen. Die im folgenden angeführten Personen sind mir persönlich bekannt, und ich habe mir die Tatsachen, soweit das möglich war, von mehreren Seiten schildern lassen.

Ein Kommilitone z.B. bekam, als er auf der Toilette einen Volkspolizisten nach Papier fragte, zur Antwort: "Nehmen Sie den Finger!"

Eine andere Gruppe von Studenten musste, bevor sie entlassen wurde, von 10 Uhr 15 – 15 Uhr auf dem Gang stehen, wobei es ihnen verboten wurde, sich von ihrem Platz wegzubewegen bzw. einmal ein paar Schritte auf- und abzugehen.

Ein anderer Student wurde auch am 30.3. gegen 21 Uhr eingeliefert; jedoch erst am 31.3. gegen 15 Uhr 30 das erste Mal vernommen. Am 31.3. abends bekam er etwas zu essen; er wurde dann in der Nacht vom 31.3. zum 1.4. von ca. 21 Uhr 30 bis gegen 3 Uhr früh mit kurzen Unterbrechungen erneut vernommen, ohne vorher auch nur kurze Zeit geschlafen zu haben. Er wurde erst am 1.4. 10 Uhr früh entlassen.

Einer der Studenten, die sich z. Zt. noch in Haft befinden, äußerte gegenüber dem zuletzt erwähnten Kommilitonen, man habe ihn in die Magengrube geschlagen.

Ich kenne die angeführten Studenten so gut, dass ich sagen kann, ihre Angaben entsprechen wie meine vollkommen der Wahrheit.

Greifswald, am 5.4.1955

gez. (Name geschwärzt)

Anschrift: Greifswald, Fleischerwiese 9/18


Quelle: Universitätsarchiv Greifswald
Bericht eines Medizinstudenten über die Vorkommnisse vom 30. und 31. März 1955. (© Universitätsarchiv Greifswald, Seite 2 von 2 )