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Ich glaube, das Schwierige war in meinem Fall – und das geht sicherlich vielen anderen auch so, aber in einem anderen Zusammenhang – dieser Vergleich des Lebens, das meine Mutter mit uns führte und das, was als Wahrheit verkauft wurde, in der Schule oder in der Zeitung oder im öffentlichen Leben. Und diese Diskrepanz festzustellen, sie zu fühlen, also zum Beispiel, wenn du hörst – und das haben wir immer wieder gesagt gekriegt – wir waren eine sogenannte kinderreiche Familie und kinderreichen Familien geht es gut in der DDR. Die sind extra unterstützt. Frauen sind gleichberechtigt und werden gleichberechtigt behandelt. Und das beginnt dann, etwas Zynisches zu haben. Wenn du siehst, dass deine eigene Mutter in drei Schichten arbeitet, du selber ein Schlüsselkind bist und du ganz genau weißt, dass sie sehr wenig verdient. Du weißt, dass das Kindergeld, was sie für vier Kinder bekommt, für jedes 20 Ost-Mark sind. Und für mich waren es dann 60, weil ich das vierte war. Aber das ist jetzt nicht das große Los, wenn man bedenkt, dass ein Päckchen Kaffee damals 8,75 gekostet hat. Das muss man sich einfach mal klar machen. Und das sind die Dinge, die dich als Kind interessieren, wenn du deine Mutter erlebst, beim Einkaufen und sie zählt genau mit und du erlebst ganz oft die Situation – am Kassenband an der Kasse – dass ein paar Sachen dann zurückgehen müssen, weil dafür das Geld nicht da ist. Das heißt: es ist super eng und du hörst dann gleichzeitig: „den kinderreichen Familien geht es so gut und die sind so unterstützt“. Ich konnte diese Unterstützung nicht sehen. Meine Mutter war nur müde, die hatte kaum Zeit für sich selbst. Die konnte ihre Schichten machen und danach war die für uns zuständig. Da gab es fast überhaupt gar keine Ruhe und wenn du das als Kind siehst und das auch miterlebst, dann ist das eine Riesen-Diskrepanz zwischen dem, was dir da in der Öffentlichkeit weisgemacht wird: wie gut dieses Leben ist, wie gut du dich selber fühlen solltest oder wie privilegiert du vielleicht bist. Und du weißt, du bist das nicht.
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Produktion: 2021
Spieldauer: 3 Min.
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