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Interviewerin: Was passierte an dem Tag denn nun wirklich?
Katrin Hattenhauer: Erstmal war es für uns alle schwierig, für uns jedenfalls, dorthin zu kommen bis um zehn, weil wir eigentlich Hausarrest hatten, aber wir haben es geschafft um zehn da zu sein. Und ein Musiker hat um zehn schon angefangen zu spielen, um den sich erste Leute geschart haben, und einzelne Sicherheitsbeamte haben natürlich versucht das zu verhindern, indem sie Ausweiskontrollen gemacht haben und darum gebeten haben den Platz zu verlassen. Aber das Publikum, was schon vorhanden war hat dem entgegengewirkt, indem immer dort, wo man versucht hat einen Musiker abzudrängen, der gerade begonnen hatte, hat man den Kanon gesungen „Wo man singt da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ und somit wurden die Sicherheitsbeamten immer verdrängt, und die Musiker konnten dann nach und nach anfangen. Es wurden auch immer mehr, also ich schätze so von um zehn bis Mittag haben dann so 30 verschiedene Musiker gespielt, also Leierkastenmänner und -frauen, und Flöten, Gitarren, also es war Blues, Jazz, Folk, Reggea, es war alles da. Das schönste war dann noch, dass vier Saxophonisten sich zusammengestellt haben und also das war eine der kleinen Attraktionen. Und um Mittag hat dann auch noch eine Theatergruppe begonnen, was viele ganz fröhlich gestimmt hat, weil sie die Problematik, also die soziale Problematik in diesem Land auf eine ganz lustige Art und Weise hochgenommen haben. Ja und der angebliche Angriffspunkt für die Staatssicherheit war dann, als eine Theatergruppe um Mittag rum ein Stück gegen die Abgrenzung gespielt hat, aber eigentlich gegen die individuelle Abgrenzung und dabei Stacheldraht verwandt hat. Das war dann angeblich der Stein des Anstoßes und, also es passierte ganz kurzerhand, dass ungefähr halb zwei ein LKW auffuhr und fünfzehn Verkehrspolizisten runtersprangen und nach und nach einzelne Musiker griffen und die auf den LKW verluden, aber durch die Solidarität und Sensibilität der Leute sind dann die meisten Musiker noch freiwillig mit aufgestiegen mit all ihren Instrumenten, und das umstehende Publikum hat versucht den Abtransport aufzuhalten, indem sie gesungen haben, unter anderem auch die Internationale, und es war einfach gut zu erleben auf dem Wagen zu stehen, auch für mich jetzt da drauf zu stehen und zu erleben, dass die Leute da unten singen und dass wir miteinander singen, also dass wir oben spielen und die unten mit ihren Instrumenten, die noch draußen waren, standen und gespielt haben, es war ein unwahrscheinlich gutes Gefühl, also es war einfach ein unwahrscheinliches Zusammenrücken auch für alle Musiker auf dem Wagen da, obwohl wir uns nicht kannten aber einfach durch die Situation und durch das Gefühl der Musik, die wir gemacht haben, war das ein Zusammenrücken für uns, überhaupt der ganze Tag war für die Musiker auch wenn es so geendet hat - vielleicht war das einfach ein Stück Fliegen wo man sonst am Boden klebt, und ich mein' es hat für die meisten 27 Stunden bedeutet, darunter manchmal bis zu acht Stunden Verhör im Laufe dieser Zeit - aber das war gut, was viele miteinander dann erlebt haben, wenn die von den Vernehmungen zurückgeführt wurden, also im Prinzip weiß jetzt jeder wo er mit wem, wenn er in welcher Stadt ist, Straßenmusik machen kann, weil die Straßenmusiker sich jetzt alle untereinander gut kennen, und wir haben dort so viel erzählt und gesungen und gelacht was einfach nicht drinnen war das zu unterbinden weil unser Feeling dafür an dem Tag einfach viel zu groß war. Also wir haben dort so viel Gutes noch erlebt in den 27 Stunden, auch wenn die Konsequenzen für viele jetzt hart sind aber die Zeit war trotzdem gut dort.
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Produktion: 1989