Bewegter Frieden - Die Friedensbewegung in der DDR

Protestpostkarte gegen die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft in der DDR. Foto: Roland Jahn; Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Ende der 1970er Jahre entwickelt sich in der DDR wie auch in den anderen Ländern des Ostblocks eine unabhängige Friedensbewegung. Hauptgründe für ihre Entstehung sind die Stationierung von SS-20-Atomraketen in der DDR und von Pershing II und Cruise-Missiles in der Bundesrepublik sowie die zunehmende Militarisierung der DDR-Gesellschaft. Vor allem innerhalb der evangelischen Kirche bilden sich Gruppen, die auch überregionale Aktionen planen und durchführen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die ab 1980 jährlich abgehaltenen Friedensdekaden und die Aktionen, die innerhalb der Offenen Arbeit der Kirche organisiert werden.

Im Gegensatz zu den früheren Aktivitäten der Opposition erreicht die Friedensbewegung, in der auch Reinhard Schult nach seiner Haftzeit engagiert ist, Teile der unangepassten Jugend in der DDR. 1980 entwickelt der sächsische Jugendpfarrer Harald Bretschneider das Symbol der neuen Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" (Bildergalerie). Schon bald tragen vor allem junge Friedensaktivisten im ganzen Land Aufnäher mit der symbolhaften Darstellung eines Mannes, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Die Darstellung orientiert sich am Denkmal des sowjetischen Bildhauers Jewgenij Wutschetitsch, das die Sowjetunion 1957 der UNO geschenkt hatte.

Die DDR-Führung tut sich aus diesem Grund zunächst schwer, gegen das Zeichen vorzugehen. Als sich der Erfolg des Symbols abzuzeichnen beginnt, lässt Bretschneider offiziell 100.000 Aufnäher drucken. Sein Trick: Da das Symbol auf Stoff gedruckt wird, handelt es sich laut DDR-Gesetz um eine nicht genehmigungspflichtige "Textiloberflächenveredlung". Innerhalb kürzester Zeit werden die Aufnäher im ganzen Land verteilt, vor allem auf Veranstaltungen der evangelischen Kirche. Das Symbol ist in der Jugend zu einem wichtigen Ausdrucksmittel oppositioneller Haltung geworden. Schließlich gelingt es den Staatsorganen, das Symbol durch massive Repressionen, unter denen auch Christian Halbrock und Rainer Müller zu leiden haben, aus dem Straßenbild zu verdrängen. Doch in Schulen und auf Universitäten tragen einige Jugendliche nun statt des verbotenen Symbols weiße Kreise oder sogar ein Loch im Ärmel an der Stelle, an der ihnen Polizisten oder eifrige Lehrer den Aufnäher aus der Jacke geschnitten haben.

Am 25. Januar 1982 verfassen zwei Systemkritiker, der Kommunist Robert Havemann und der evangelische Pfarrer Rainer Eppelmann, einen "Berliner Appell", in dem sie vier Fragen an die Regierung der DDR stellen, an denen sich das offizielle Friedensengagement des Staates messen lassen soll:

1. Sollten wir nicht auf die Produktion, den Verkauf und die Einfuhr von sogenanntem Kriegsspielzeug verzichten?
2. Sollten wir nicht anstelle des Wehrkundeunterrichts an unseren Schulen einen Unterricht über Fragen des Friedens einführen?
3. Sollten wir nicht anstelle des jetzigen Wehrersatzdienstes für Kriegsdienstverweigerer einen Sozialen Friedensdienst zulassen?
4. Sollten wir nicht auf alle Demonstrationen militärischer Machtmittel in der Öffentlichkeit verzichten und unsere staatlichen Feiern stattdessen dazu benutzen, den Friedenswillen des Volkes kundzutun?

Der Appell wird zunächst von 35 Bürgerinnen und Bürgern der DDR unterschrieben und dann an die Westmedien lanciert. In dem Papier sind vor allem Fragen angesprochen, die die junge Generation im Land betreffen: Immer wieder werden Wehrdienstverweigerer in der DDR mit hohen Gefängnisstrafen belegt, die auch Rainer Müller drohten, wie er im Interview berichtet. Der Dienst als Bausoldat ist keine echte Alternative zum Wehrdienst, da die jungen Männer auch dort kaserniert werden, in Uniform exerzieren müssen und für militärische Aufgaben eingesetzt werden – nur eben ohne Waffe. Reinhard Schult entscheidet sich trotzdem für den Dienst als Bausoldat, um der nahezu sicheren Verurteilung zu einer Haftstrafe als Totalverweigerer zu entgehen. Angesichts der steigenden Zahl verfolgter junger Männer, die den Wehrdienst komplett verweigern, entwickelt der Dresdener Pfarrer Christoph Wonneberger ab 1980 die Initiative zur Einführung eines Sozialen Friedensdienstes (SoFD). Mithilfe der Kirche soll es die Initiative als Gesetzesvorlage bis in die Volkskammer schaffen. Doch Wonneberger scheitert: Die Kirchenleitung verweigert ihm unter staatlichem Druck die Unterstützung.

Obwohl die Mitglieder der unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung ständig staatlichen Repressionen – von ständigen Personenkontrollen bis hin zu Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Ausweisungen – ausgesetzt sind, gelingt es den verschiedenen Gruppen immer wieder, in der ganzen DDR große und kleine Aktionen durchzuführen. Dazu gehören Flugblattverteilungen und Graffitis ebenso wie Solidaritätsgottesdienste für Inhaftierte und offene Demonstrationen. Nicht immer können die Verursacher der Störungen des sozialistischen Zusammenlebens ermittelt werden, doch werden auch kleinste Vorkommnisse, wie etwa das Anbringen der Losung "Frieden schaffen ohne Waffen", von den Sicherheitsorganen detailliert protokolliert.



Zitierempfehlung: „Bewegter Frieden“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=190

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