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Berlin

Abschiedsfest: Dekoration an den Häusern der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin. Zum 40. Jahrestag ihrer Gründung am 7. Oktober 1989 putzt sich die DDR ein letztes Mal heraus. Quelle: Archiv StAufarb, Bestand Klaus Mehner, 89_1007_POL_JT40_10
Abschiedsfest: Dekoration an den Häusern der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin. Zum 40. Jahrestag ihrer Gründung am 7. Oktober 1989 putzt sich die DDR ein letztes Mal heraus. Quelle: Archiv StAufarb, Bestand Klaus Mehner, 89_1007_POL_JT40_10
Nicht zuletzt wegen seiner Forderungen Glasnost und Perestroika (russisch für Transparenz und Umgestaltung) hat der russische Staatspräsident „Gorbi“ viele Fans in der DDR: Am 6. Oktober 1989 fährt eine Wagenkolonne mit Michail Gorbatschow durch...
Nicht zuletzt wegen seiner Forderungen Glasnost und Perestroika (russisch für Transparenz und Umgestaltung) hat der russische Staatspräsident „Gorbi“ viele Fans in der DDR: Am 6. Oktober 1989 fährt eine Wagenkolonne mit Michail Gorbatschow durch Ost-Berlin. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Nikolaus Becker
Während die Partei- und Staatsführung am 7. Oktober 1989 mit viel Aufwand den 40. Geburtstag der DDR feiert, kommt es zu gewalttätigen Übergriffen von Polizei und Staatssicherheit auf friedliche Demonstranten. Oppositionsgruppen fordern eine Aufklärung...
Während die Partei- und Staatsführung am 7. Oktober 1989 mit viel Aufwand den 40. Geburtstag der DDR feiert, kommt es zu gewalttätigen Übergriffen von Polizei und Staatssicherheit auf friedliche Demonstranten. Oppositionsgruppen fordern eine Aufklärung der Ereignisse und die Bestrafung der Verantwortlichen. Am 3. November 1989 beginnt eine Untersuchungskommission mit der Aufklärung der Vorfälle. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Nikolaus Becker
In einer machtvollen Demonstration auf dem Alexanderplatz fordern am 4. November 1989 Hunderttausende Bürger Reformen in der DDR. Quelle: StAufarb, Bestand Klaus Mehner, 89_1104_POL-Demo_35
In einer machtvollen Demonstration auf dem Alexanderplatz fordern am 4. November 1989 Hunderttausende Bürger Reformen in der DDR. Quelle: StAufarb, Bestand Klaus Mehner, 89_1104_POL-Demo_35

7. Oktober 1989: Zum 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik plant die Staats- und Parteiführung ein umfangreiches Festprogramm. Viele internationale Gäste, unter ihnen als prominentestes Mitglied der sowjetische Staatschef Michail „Gorbi“ Gorbatschow, werden in Berlin erwartet. Ost-Berlin, die mit Abstand größte Stadt des Landes, wird mit großem Aufwand festlich geschmückt. Schließlich ist sie die „Hauptstadt unserer Republik“ sowie Sitz der Regierung und SED-Parteiführung.

Auch dem Volk sollen zum Republikgeburtstag besondere Geschenke gemacht werden: Auf dem Alexanderplatz in Berlin-Mitte reihen sich Würstchenbuden und Verkaufsstände aneinander. Es gibt Jeanshemden westlicher Herkunft und das sonst nur für den Export bestimmte Meißner Porzellan. Der mit Konsumgütern nicht gerade verwöhnte DDR-Bürger soll in diesen Tagen etwas Besonderes geboten bekommen.

Doch unter der polierten Oberfläche brodelt es. Die Stimmung bei den Sicherheitskräften ist angespannt. Polizei-, Armee- und Stasi-Einheiten sind im ganzen Land in Alarmbereitschaft. Die anhaltenden Proteste gegen die Wahlfälschungen vom 7. Mai 1989 führen noch immer monatlich zu Demos auf dem Alex, zuletzt am 7. September 1989.

Außerdem herrscht in den DDR-Führungskreisen Unruhe wegen der anhaltenden Massenflucht von meist jugendlichen DDR-Bürgern über Ungarn und die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik. Auch die regelmäßigen Montagsdemonstrationen nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche in Leipzig liegen der Obrigkeit schwer im Magen. Zu Recht befürchten die Festveranstalter in Berlin, dass ihnen die Feierlichkeiten durch unangemeldete Demos und Proteste verleidet werden könnten. Die große Ansammlung Jugendlicher auf dem Alexanderplatz ist, das wissen die Sicherheitskräfte, eine potenzielle Gefahr für den reibungslosen Ablauf der verordneten Festlichkeiten.

Die ungebetenen Gäste verderben die letzten Feierlichkeiten der DDR

Rund um die Festplätze am Alex bringen die Sicherheitskräfte alles unter ihre Kontrolle. Polizeibataillone stehen bereit, um „Ruhestörer“ zu verhaften und für Ordnung zu sorgen. Verborgene Kameras observieren Plätze und Straßen. Doch trotz generalstabsmäßiger Vorbereitungen gelingt es nicht, die Proteste zu verhindern. Am 40. Jahrestag feiert die DDR zum letzten Mal Geburtstag.

In Berlin spitzt sich die Lage in den nächsten Tagen und Wochen zu: Hier fallen die Entscheidungen über den Ausgang der Revolution. Die Demonstration am 7. Oktober 1989 mit ihren Verhaftungen bewirkt eine dauerhafte Präsenz der Opposition im Berliner Stadtbild. Ganz zu schweigen von den darauf folgenden Mahnwachen in der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg. (Till Böttcher beschreibt im Zeitzeugen-Video, wie die Opposition jetzt endlich auch die breite Masse erreicht.)

Hinzu kommen die Gründungsaufrufe zahlreicher oppositioneller Gruppen und Parteien, wie dem Neuen Forum, der Initiative Frieden und Menschenrechte und der Sozialdemokratischen Partei, die an vielen Orten ausliegen. Sie drücken die wachsende Vielfalt und das gestiegene Selbstbewusstsein der Opposition aus. Der telegraph, Nachfolger der Umweltblätter, einer Zeitschrift der Berliner Umwelt-Bibliothek, erscheint in kurzer Abfolge. Er gibt als einziges unabhängiges Blatt bis zum Dezember 1989 Nachrichten zu aktuellen Ereignissen heraus.

Am 4. November 1989 findet die vorerst größte Demonstration der DDR-Geschichte mit über 500.000 Teilnehmern auf dem Ostberliner Alexanderplatz statt. Spätestens jetzt ist allen klar: Ein Zurück zur alten DDR wird es nicht mehr geben.

Zitierempfehlung: „Berlin“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung März 2017, www.jugendopposition.de/145398

 


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