Friedensgebete und Montagsdemonstrationen

Leipziger Basisgruppen protestieren gegen das Verbot von selbst gestalteten Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche am 24. Oktober 1988. Foto: Christoph Motzer; Quelle: Arbeitsgruppe Menschenrechte

Die berühmten Leipziger Montagsdemonstrationen haben ihren Ursprung in der DDR-Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre: Seit 1981 werden in der Messestadt Friedensgebete organisiert; seit 1982 finden Sie immer montags statt. Hinzu kommen andere Veranstaltungen der Friedensbewegung in und an verschiedenen Kirchen. Die zentrale Figur in der Gestaltung und Organisation der Friedensgebete ist Christoph Wonneberger.

Der 1985 aus Dresden nach Leipzig gezogene Pfarrer initiiert bereits 1982 in Dresden die ersten Friedensgebete. Auch in Leipzig organisiert Christoph Wonneberger, Mitbegründer der AG Menschenrechte, gegen staatliche und innerkirchliche Widerstände Friedensgebete. Außerdem geht von ihm die Idee der Alternativen Leipziger Kirchentage aus, die auch viele Teilnehmer von Friedensinitiativen besuchen.

Durch die stärkere politische Ausrichtung der Gruppen und den Zustrom von Ausreisewilligen werden die Friedensgebete ab Mitte der 1980er Jahre zu systemkritischen politischen Veranstaltungen, die auch über die Kirche hinaus Öffentlichkeit erlangen. Die Folge: Verhaftungen und steigender Druck des Staates auf die Kirchenleitung. Ab September 1988 gibt die Leipziger Kirchenleitung dem Druck nach und untersagt den unabhängigen Gruppen die inhaltliche Gestaltung der Friedensgebete.

Es sind die Montage, die in der DDR Geschichte schreiben

Diese Regelung führt in den folgenden Wochen immer wieder zu Tumulten bei den Gottesdiensten, bis sie im Frühjahr 1989 wieder aufgehoben wird. Die Leipziger Gruppen Initiativgruppe Leben, Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Umweltschutz und Arbeitskreis Solidarische Kirche schreiben einen offenen Brief an den Landesbischof Johannes Hempel, in dem sie sich heftig gegen den Versuch auflehnen, die Friedensgebete zu entpolitisieren. Rainer Müller und Uwe Schwabe sind auf dem Bild oben mit ihren Protestplakaten gegen dieses Redeverbot zu sehen.

Die kritische politische Prägung der Friedensgebete geht auch von den vielen jugendlichen Teilnehmern der Leipziger Gruppen aus. Sie sind es, die die ersten Montagsdemonstrationen mit noch wenigen Beteiligten anführen.

Unmittelbar nach der Fälschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 organisieren Leipziger Gruppen eine Demonstration, an der rund 600 Menschen teilnehmen. Am kommenden Tag wird während des Friedensgebets in der Nikolaikirche erstmals ein Polizeikessel um die Kirche gebildet.

Der Landesbischof Johannes Hempel fordert erneut eine Einschränkung der Friedensgebete, doch der Druck von kirchlichen Basisgruppen und Pastoren ist so stark, dass sich der Bischof innerhalb der Kirche nicht mehr durchsetzen kann.

Die Veranstaltungen werden nun als Montagsgebete bezeichnet und die anschließenden Demos als Montagsdemonstrationen. Gerade die politische Ausrichtung der Friedensgebete macht die Leipziger Andachten so populär. Schnell ist Montag für Montag das Kirchenschiff der Nikolaikirche mit Besuchern überfüllt. Die verschiedenen oppositionellen Strömungen finden hier einen gemeinsamen Raum und eine wenn auch noch kleine Öffentlichkeit. Schnell verbreitet sich im ganzen Land der Ruf der Leipziger Friedensgebete. Die Montagsgebete und -demonstrationen tragen den Protest gut sichtbar auf die Straße und in die Gesellschaft hinein. Damit läuten sie das Ende der DDR ein.

„Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“

Die erste Montagsdemonstration am 4. September 1989 wird von westlichen Medien begleitet. Deren Anwesenheit verhindert, dass öffentlich Verhaftungen stattfinden. Doch schon in der kommenden Woche, am 11. September 1989, schlagen Polizei und Stasi wieder hart zu. Vor allem junge Menschen gehen auf die Straße. Landesbischof Johannes Hempel berichtet auf einer Synode in Erfurt am 15. September 1989 über diese Demonstration und die Festnahmen und fragt rhetorisch: „Was geht in den Jugendlichen vor, was bleibt in ihnen zurück, wenn sie so behandelt werden? Was sind das für Bürger der Zukunft? Auch in den offensichtlich sehr jungen Bereitschaftssoldaten, die doch, soweit ich weiß, Wehrpflichtige sind und die jetzt in Kette vorgehen gegen fast Gleichaltrige? Was geht in denen vor?“

Anfang September 1989 ändert sich auch die Zielvorstellung der Demonstrationen. Während vor dem Sommer noch viele Ausreisewillige unter dem Ruf „Wir wollen raus!“ zu den Friedensgebeten erscheinen, sind es in den ersten Septemberwochen vor allem die Angehörigen von Oppositionsgruppen, die nicht mehr vor den Zuständen in der DDR fliehen wollen. Sie wollen die Republik verändern und skandieren jetzt, sehr zum Schrecken der DDR-Führung, „Wir bleiben hier!“.

Die DDR-Opposition nutzt die Westmedien ganz bewusst zur Bekanntmachung der Leipziger Proteste. Die Verbreitung der Leipzig-Nachrichten in der ganzen DDR spielt in den kommenden Wochen eine besonders wichtige Rolle. (Im Interview berichtet der damals 26-jährige Aram Radomski, wie es ihm zusammen mit Siegbert Schefke auf abenteuerliche Weise gelingt, trotz Stasi-Verfolgung eine Montagsdemonstration mit der Kamera aufzuzeichnen und das Video in den Westen zu schmuggeln.)

An den Protestdemonstrationen, die ab dem 4. September 1989 regelmäßig jeden Montag stattfinden, nehmen im Oktober bereits Zehntausende Menschen teil. Ihr Ruf „Wir sind das Volk!“ wird zum wichtigsten Slogan der Revolution – bis er im November 1989 nach dem Fall der Mauer durch den Ruf „Wir sind ein Volk!“ abgelöst wird.



Zitierempfehlung: „Friedensgebete und Montagsdmonstrationen“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=638

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Uwe Schwabe - Friedensgebete in der Nikolaikirche
Rainer Müller - Treffpunkt Friedensgebet
Aram Radomski - Filmaufnahmen von den Leipziger Montagsdemonstrationen
Kontraste-Bericht: Die Leipziger Montagsdemo am 4. September 1989