Jahre vor dem Wiederaufbau: Die Ruine der Frauenkirche in Dresden zu Beginn der 1980er Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Die Oppositionsgruppe Initiative 13. Februar beziehungsweise ab 1985 Wolfspelz um die Dresdnerin Anette Ebischbach (später Johanna Kalex) gehört zweifellos zu den ungewöhnlichsten Friedensgruppen, die Anfang der 1980er Jahre in der DDR entstehen.
Anette Ebischbach, die Tochter eines Kreisschulrats, beginnt 1981 mit 17 Jahren ein Pädagogikstudium. Schon in dieser Zeit hat sie erste Kontakte zur Jungen Gemeinde (JG) der Dreikönigskirche. Dort erhält sie Materialien über die Idee eines Sozialen Friedensdienstes (SoFD). Dieser soll als Wehrersatzdienst eingerichtet werden, fordert die Friedensbewegung in der DDR.
Schafe im Wolfspelz oder Wölfe im Schafspelz?
Als Anette Ebischbach Papiere mit diesem Thema an der Universität Dresden verteilt, wird sie sofort exmatrikuliert. Danach werden ihre Kontakte zur Friedensbewegung intensiver – unter anderem auch zum Initiator der Kampagne „Schwerter zu Pflugscharen“, Pfarrer Harald Bretschneider. Anette Ebischbach erhält von ihren Freunden den Rufnamen Johanna und heiratet später ein anderes Mitglied der Friedensgruppe, Roman Kalex.
Die „Gruppe Ebischbach“, wie sie anfangs von der Stasi bezeichnet wird, steht nicht nur im Konflikt mit dem Staat, sondern auch mit der Kirche. Die Aktivisten werfen den Kirchenleuten deren allzu große Kompromissbereitschaft gegenüber dem SED-Regime vor. Sie organisieren eigenständig Friedenswerkstätten und propagieren radikale pazifistische Positionen, die sich kaum mit der moderaten kirchlichen Friedensarbeit vertragen.
Nachdem Bischof Johannes Hempel die Aktivisten um Anette Ebischbach als „Wölfe im Schafspelz“ bezeichnet hat, nennt sich die Gruppe fortan Wolfspelz. Laut Johanna Kalex sind sie nämlich eher „Schafe im Wolfspelz“, die gefährlich auftreten, aber eine friedliche Gesellschaft zum Ziel haben.
Eine spektakuläre Aktion der Gruppe um Johanna Kalex ist der Aufruf zu einem Schweigemarsch in Dresden am 13. Februar 1982, dem Jahrestag der Bombardierung der Stadt. In der Stunde des Bombenangriffs von 1945, kurz vor 22 Uhr, soll der Marsch zur Ruine der Frauenkirche führen, an der brennende Kerzen aufgestellt werden sollen. Die Aktion ist gut geplant: Schon im Herbst 1981 verteilt die Gruppe Aufrufe zur Teilnahme an dem Schweigemarsch in der ganzen DDR. (Über die Aktivitäten der Gruppe, den Aufruf und die Folgen berichtet Johanna Kalex im Zeitzeugen-Interview.)
Top organisiert: Der Schweigemarsch zur Dresdner Frauenkirche
Der Staat ist schwer beunruhigt. Ohnehin ist die Situation angespannt: Es hat sich eine starke Schwerter-zu-Pflugscharen-Bewegung entwickelt, und landesweit fordern Friedensgruppen die Einführung eines Sozialen Friedensdienstes. Man befürchtet zu Recht, dass viele Menschen dem Aufruf nach Dresden folgen werden. Johanna Kalex wird verhaftet, verhört und körperlich massiv bedroht. Doch ihre Eltern und die Kirche stehen zu ihr und wenden Schlimmeres ab.
Um die Menschen von der Demonstration auf der Straße abzulenken, öffnet die Kirchenleitung am 13. Februar die Dresdner Kreuzkirche zu einem Friedensforum. Doch die Demo wird ein voller Erfolg: Fast 8.000 Menschen aus der ganzen DDR pilgern in dieser Nacht erst ins Friedensforum in der Kreuzkirche und dann zur Dresdner Frauenkirche. Dort stellen sie Kerzen auf und legen Blumen nieder; selbst die Westpresse ist vor Ort. Der Schweigemarsch ist eine der größten Aktionen der Friedensbewegung in der DDR.