Ungarische Forderungen in Ost-Berlin

Anfang der 1950er Jahre: Studenten der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) der Humboldt-Universität in Ost-Berlin.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (BStU-Kopie)

Das Jahr 1956 wird für den gesamten Ostblock zu einem Krisenjahr: Der sowjetische Parteivorsitzende Nikita Chruschtschows enthüllt auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar Details über die Verbrechen Stalins. Überall wird die Bevölkerung mutiger, insbesondere die intellektuelle Jugend. Dies gilt für Polen und Ungarn genauso wie für die DDR.

Am 27. Oktober 1956 meldet ein SED-Funktionär der Humboldt-Universität zu Berlin an seine vorgesetzte Parteileitung: Studenten im dritten Studienjahr sammeln Unterschriften gegen den Russisch-Unterricht. Am Montag, dem 29. Oktober, berichtet er: Die Listen kursieren nun auch unter Studenten im zweiten Studienjahr.

In dem Report heißt es: „Hier werden Unterschriften gesammelt für Abschaffung des Russisch- und gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums. Russisch und andere Fremdsprachen sollen fakultativ durchgeführt werden. Begründung dafür sind Zeitschwierigkeiten. Außerdem steht noch unter diesen Listen, daß sie damit keine politische Demonstration wollen, daß sich diese Unterschriftensammlung nicht gegen die Arbeiter- und Bauernmacht richtet, teilweise steht noch auf den Listen, daß es sich um keine antisowjetische Handlung handelt.“

Studentische Forderungen in politisch aufgeheiztem Klima

Solche Forderungen stellen Studierende dieser Tage an vielen Universitäten der DDR. Die Nachrichten aus Polen und Ungarn überstürzen sich: In Polen kommt, gegen den erklärten Willen der Sowjetunion, eine „nationalkommunistische“ Führung an die Macht. Sie verspricht dem polnischen Volk den Abzug der Sowjetarmee, mehr Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Nur so kann sie die Massen von einem Aufstand abhalten. In Ungarn entwickelt sich die Solidaritätsbewegung für Polen seit dem 23. Oktober 1956 zu einem Volksaufstand. Doch im November 1956 schießen russische Truppen den Aufstand nieder.

Die Forderungen der Berliner Studenten sind also – so zurückhaltend sie formuliert sind – von höchster politischer Brisanz. Jeder weiß, dass der ungarische Volksaufstand genau mit solchen Forderungen eingeleitet wurde. „Die Listen“, meldet das wachsame Mitglied der Fakultätsleitung, „werden von einem Studienjahr ins andere getragen. Sie werden auch sehr oft zwischen den Vorlesungen von den FDJ-Gruppenleitern geschrieben. Die Genossen meinen, daß diejenigen, die die Listen herumreichen, nicht die Organisatoren sind. Abgesehen von zwei bis drei Seminaren im zweiten Studienjahr sieht es wie geschildert aus. Morgen sollen die Listen zur FDJ-Fakultätsleitung gebracht werden. Bis jetzt haben zwischen 70 und 90 Prozent aller Studenten des zweiten Studienjahres diese Listen unterschrieben.“

Ganz neu auf dem Stundenplan: Aufmüpfigkeit

Am 3. November 1956 findet im Hörsaal der Anatomie der Veterinärmedizinischen Fakultät eine Vollversammlung der Studentenschaft der Fakultät statt, die einen turbulenten und ungewöhnlichen Verlauf nimmt. Die Studierenden einigen sich auf folgende Forderungen:

„1. Einführung eines fakultativen Russisch-Unterrichts mit fakultativer Prüfung.

2. Abschaffung des obligatorischen gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums und Einführung einer fakultativen Vorlesung über Philosophie aller humanistischen Weltanschauungen.

3. Ermöglichung eines erweiterten Studentenaustauschs innerhalb Gesamtdeutschlands und des gesamten Auslandes sowie eines ungehinderten Reiseverkehrs jedes einzelnen Studenten in die Länder der Volksdemokratien, die SU und nicht zuletzt in das westliche Ausland.

4. Rückgabe des Hauptgebäudes der Veterinärmedizin (jetziges Außenministerium) im Interesse der Beseitigung der unhaltbaren räumlichen Zustände, die durch die Immatrikulation einer die Kapazität übersteigenden Studentenzahl hervorgerufen wurde. Eine Forderung, die seit Jahren Professoren und Studenten stellen. Damit würde die Frage des Mensaproblems sowie die eines ausreichenden Leseraums gelöst.

5. Verbesserung der Beschaffung von Fachliteratur westlicher Verlage.“

Am Ende der Vollversammlung wählen die Anwesenden ein zehnköpfiges Gremium, das sich selbst Studentenrat nennt. Am 5. November spitzt sich die Situation weiter zu. Die Studenten der Veterinärmedizinischen Fakultät verweigern sich einer Ausweiskontrolle am Eingang ihrer Einrichtungen. Es kommt zu Aufläufen und Handgreiflichkeiten. Die Fakultätsleitung versucht zu vermitteln, unterstützt aber grundsätzlich die Studenten.

Eklat bei den Veterinärmedizinern

Am Brandenburger Tor versammeln sich nachmittags über 1.000 Studenten. Sie werden von der Volkspolizei in den Westsektor abgedrängt. Abends findet in West-Berlin eine Protestversammlung gegen den russischen Einmarsch in Ungarn statt. Einige Hitzköpfe wollen in den Ostsektor ziehen, werden aber von der Westberliner Polizei zurückgehalten. Am folgenden Tag kommt es zum Eklat bei einer Vollversammlung der Veterinärmediziner: Als Alfred Neumann spricht, der SED-Chef von Ost-Berlin, verlässt ein großer Teil der Anwesenden demonstrativ den Saal. Der Rest beschließt ohne Gegenstimme eine Treueerklärung zur SED. Währenddessen zieht die Staatsmacht rund um die Universität bewaffnete Kampfgruppen zusammen.

Als die russischen Panzer im November 1956 den verzweifelten Widerstand der Aufständischen in Budapest brechen, resignieren auch in Ost-Berlin die meisten Studenten. Eine Verhaftungswelle setzt ein. Für viele Teilnehmer der Proteste bleibt nur der Weg, der DDR für immer den Rücken zu kehren.



Zitierempfehlung: „Ungarische Forderungen in Ost-Berlin“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=3392

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