Studenten im Widerstand

Prozess gegen drei 21-jährige Studenten aus Ilmenau, die beschuldigt werden, im Auftrag der Westberliner Falken, einer SPD-nahen Jugendorganisation, 1956 eine Hetzkampagne gegen die DDR geführt zu haben. Quelle: „Die Spur führt von Ilmenau nach West-Berlin“, Hrsg.: Bezirksleitung Suhl der SED, Abteilung Agitation und Propaganda

An den Universitäten der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ist der Widerstand gegen die Vorherrschaft der SED besonders stark. Die Kommunisten stehen vor keiner leichten Aufgabe. Sie können nicht einfach über Nacht die alten Strukturen zerschlagen. Die Institutionen und insbesondere das Fachwissen der bürgerlichen Wissenschaftler sind unverzichtbar. An den Universitäten will die SED die neue Elite ihres Staates ausbilden. Die künftigen Kader sollen aber nicht nur über Fachkenntnisse, sondern vor allem über einen festen ideologischen Standpunkt verfügen. Deswegen kann die SED an den Universitäten keine Überreste bürgerlicher Gesinnung dulden.

Zum Beginn des Wintersemesters 1946/47 finden überall in der SBZ und in Berlin Wahlen zu den Studentenvertretungen statt. Es werden bis 1989 die letzten freien Wahlen an ostdeutschen Universitäten sein. Die CDU und die LDP verfügen über eigene Hochschulgruppen und Listen. Trotz Behinderungen durch die sowjetische Besatzungsmacht und die SED-Instanzen werden an fast allen Universitäten und Hochschulen nichtkommunistische Mehrheiten gewählt. An der Berliner Universität – zu dieser Zeit die einzige der Stadt und im sowjetischen Sektor beheimatet – erhalten die SED-Vertreter lediglich zehn Prozent der Stimmen. Stattdessen erringt die in ganz Berlin zugelassene SPD einen großen Erfolg.


Falsche Partei? Raus!

Trotzdem bestimmt die SED immer stärker, was an den Universitäten passiert. Alle Hochschuleinrichtungen unterstehen der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung. Diese wird, ganz im Sinne der SED, von dem Altkommunisten Paul Wandel geleitet. Um ihrer Anhängerschaft den Hochschulzugang zu ermöglichen, installiert die SED sogenannte Vorstudien-Anstalten, die 1949 als Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in die Universitäten eingegliedert werden. Im Rahmen eines dreijährigen Studiengangs werden junge Menschen ohne Abitur auf das Studium vorbereitet. Die von der SED beherrschten Zulassungskommissionen bevorzugen die eigene Anhängerschaft.

Die Vertreter der bürgerlichen Parteien in den Studentenräten sind ständigen Angriffen ausgesetzt: Es kommt zu Verhaftungen und Verurteilungen durch sowjetische Militärgerichte. Offene Kritik an der SED wird immer gefährlicher. Zudem verlieren CDU und LDP ab Anfang 1948 immer mehr an Eigenständigkeit: Sie werden immer stärker in den Demokratischen Block eingebunden und dadurch zu Erfüllungsgehilfen der SED.


Falsche Gesinnung? Raus!

Vor allem in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin spitzt sich die Lage zu. Als drei Studenten die Zulassung zum Studium aus politischen Gründen entzogen wird, regt sich Protest. Ein Teil der Studenten verlässt Ende 1948 die Hochschule im Ostteil der Stadt und wechselt an die neu gegründete Freie Universität im amerikanischen Sektor. Die Berliner Universität in Ost-Berlin wird 1949 in Humboldt-Universität umbenannt.

Die Sowjetisierung der ostdeutschen Hochschulen geht unterdessen weiter. Es wird ein gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium, eine Art Politschulung, eingeführt, in der es weniger um Fachwissen als vielmehr um die richtige Gesinnung geht. Der Russisch-Unterricht wird zur Pflicht, die Studienabläufe werden nach sowjetischem Vorbild zentralisiert und verschult. Das heißt: Für die Studenten ist es weit weniger möglich als früher, sich ihre Lehrveranstaltungen selbst auszusuchen. In den höheren Semestern ist es allerdings nicht völlig ausgeschlossen. Die SED hat für ihre Kampagnen und ihre Personalpolitik nun freie Hand. Die Universitäten der DDR werden ab 1948 zu Kaderschmieden des SED-Staates. Doch in manchen Fachbereichen lässt sich ein bürgerlich-akademischer Geist nie ganz ausmerzen: zum Beispiel in der Medizin und Veterinärmedizin sowie in den Naturwissenschaften.

Viele Studenten und Hochschulangehörige ziehen sich in eine unpolitische Wissenschaftsauffassung zurück. Sie versuchen, Berührungspunkte mit ideologischen Ideen zu begrenzen, ohne sich dabei persönlich zu gefährden. Eine Minderheit sieht in dem sich vollziehenden Elitewechsel durchaus die Chance für den eigenen sozialen Aufstieg. Solche Studenten unterstützen die SED aktiv. Aber es gibt auch eine Minderheit, die offen oder versteckt Widerstand leistet. Solche Studenten gehen lebensgefährliche Risiken ein. Bis 1961 entschließen sich viele junge Intellektuelle, die DDR zu verlassen.



Zitierempfehlung: „Studenten im Widerstand“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=2855

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