Besetzung der Stasi-Objekte

Sturm auf die Bastionen: Am 4. Dezember 1989 fordern Montagsdemonstranten in Leipzig Einlass in die MfS-Bezirksverwaltung. Foto: Weber; Quelle: Ullstein

Eine der zentralen Forderungen in dieser Zeit ist die Auflösung der Stasi. Das verhasste Repressionsorgan der SED-Führung hat in den Augen der meisten DDR-Bürger nie die geringste Legitimation besessen. Die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wird am Zentralen Runden Tisch verhandelt und bis zu den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 grundsätzlich erfolgreich in die Tat umgesetzt. Die Auflösung des einst mächtigsten Ministeriums der DDR geht allerdings keineswegs reibungslos vonstatten.

Bereits im November 1989 gehen in der DDR die Gerüchte um, die Stasi verbrenne heimlich Beweismaterial für ihre unsauberen Machenschaften. Augenzeugen berichten, LKW gesehen zu haben, auf denen im ganzen Land tonnenweise Aktenmaterial aus den Stasi-Objekten herausgeschafft worden sei. Die Stasi wolle die Unterlagen wohl unbemerkt entsorgen. Tatsächlich ordnet Stasi-Chef Erich Mielke am 6. November 1989 die gezielte Aktenvernichtung an, um Spuren zu verwischen.

Die Regierungserklärung Hans Modrows vom 17. November, in der er den Umbau der Stasi zum Amt für Nationale Sicherheit ankündigt, wird von der Bevölkerung schnell als Täuschungsmanöver erkannt. Das mittlerweile unkontrollierte Vernichten von Unterlagen sorgt für großen Unmut. Zu Recht befürchten viele, dass es den Stasi-Leuten auf diese Weise gelingt, sich der Verantwortung zu entziehen. Außerdem wollen die Menschen wissen, was in den Stasi-Protokollen über sie steht.

Anfang Dezember 1989 bilden sich an vielen Orten der DDR auf eigene Initiative Bürgerkomitees. Ihnen gelingt es in den meisten Fällen, die Vernichtung der Akten zu stoppen.

Tausende Erfurter legen als erste die Stasi-Behörde lahm

Die erste Besetzung einer Stasi-Bezirksverwaltung (BV) findet am Morgen des 4. Dezember 1989 in Erfurt statt. Kerstin Schön, Ärztin und Mitglied der Gruppe Frauen für Veränderung, ruft in den frühen Morgenstunden ihre Mitstreiterin Almuth Falcke an. Angesichts des dicken schwarzen Rauchs, der aus den Schornsteinen der Stasi-Einrichtungen quillt, beschließen die beiden, die Aktenvernichtung zu stoppen. Mit anderen Frauen aus ihrer Gruppe, darunter auch Gabriele Kachold-Stötzer, mobilisieren sie Freunde und Bekannte.

Almuth Falcke fährt mit ihrem Mann, dem Propst Heino Falcke, direkt zum Gebäude der Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt. Dort versperren sie eine Ausfahrt mit ihrem Auto, bis ein Müllfahrer sie ablöst. Andere Frauen fahren zum Rat der Stadt, zur Staatsanwaltschaft und zum Bürgermeister. Sie wollen Unterstützung, um in das Stasi-Gebäude zu gelangen. Inzwischen rufen weitere Frauen in Betrieben, Kaufhallen oder auf Baustellen dazu auf, das Gebäude zu umstellen und die Ausgänge zu bewachen. Tausende Erfurter folgen dieser Aufforderung. Mehrere Gruppen stürmen das Gelände, unter ihnen die Frauen für Veränderung. Mit vereinten Kräften versiegeln sie die Räume.

Sie schaffen es nicht nur, die Vernichtung der Akten zu stoppen – sie legen die gesamte Bezirksverwaltung lahm. Am Abend wird das Bürgerkomitee zur Auflösung des MfS gegründet. Andere Städte folgen diesem Beispiel. Der Prozess der gewaltfreien Auflösung des einstmals gefürchteten Geheimdienstes ist somit eingeleitet.

Ein wichtiges Zentrum der Stasi ist die Bezirksverwaltung Leipzig. Das Gebäude trägt aufgrund seiner Lage und Form den Namen „Runde Ecke“. Schon bei früheren Montagsdemonstrationen, die unmittelbar an der Runden Ecke vorbeiführen, fordern die Bürger mit Sprechchören die Auflösung der Stasi sowie die Sicherung der Aktenbestände. Am 4. Dezember 1989 besetzen Bürgerrechtler während der Montagsdemonstration das Gebäude und gründen tags darauf ein Bürgerkomitee. Mit dabei der 23-jährige Tobias Hollitzer und der 22-jährige Johannes Beleites.

So kommt ihr uns nicht davon! Kampf um die Stasi-Akten

Letzterer wird 1990 Mitglied des Sonderausschusses der Volkskammer der DDR zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und der Nachfolgeorganisation Amt für Nationale Sicherheit. Das Bürgerkomitee sichert die verbliebenen Aktenbestände und macht die Bezirksverwaltung der Stasi später zu einem Museum, in dem ab August 1990 eindrucksvoll das perfide Überwachungssystem der Stasi dargestellt wird.

Der 4. Dezember 1989 bedeutet auch in vielen kleineren Städten der DDR das Aus für die Arbeit der Stasi. In Bad Doberan, Greifswald, Angermünde, Templin, Jena, Weißwasser, Wernigerode, Stendal und anderen Orten werden die Kreisämter der Stasi besetzt, einzelne Räume versiegelt oder Wachen aufgestellt, um die weitere Aktenvernichtung zu verhindern. In den kommenden Tagen werden im ganzen Land Kreisämter besetzt und versiegelt.

Die Berliner Stasi-Zentrale, Hauptsitz des MfS, wird erst am 15. Januar 1990 gestürmt. Das Neue Forum ruft für diesen Tag zu einer Demonstration vor dem gewaltigen Gebäudekomplex in der Normannenstraße im Stadtteil Lichtenberg auf. Der DDR-Ministerpräsident Hans Modrow hält nämlich an seiner Idee fest, ausgehend vom Amt für Nationale Sicherheit einen neuen Geheimdienst zu schaffen.

Mit dem Sturm auf die Berliner Stasi-Zentrale – die zu diesem Zeitpunkt von den Mitarbeitern schon beinahe leer geräumt ist – verliert die SED endgültig ihre wichtigste innenpolitische Machtstütze. Die auch hier friedlich verlaufende Besetzung reiht sich in den gewaltlosen Widerstand der Revolutionszeit ein und schafft die Basis für das Aufarbeiten der Stasi-Vergangenheit.

Am 4. September 1990 wird das Archiv in der einstigen Stasi-Zentrale erneut besetzt. Beide deutsche Regierungen planen im Einigungsvertrag die Schließung der Akten für mindestens 30 Jahre. Durch die den ganzen Monat andauernde Besetzung, an der unter anderem die Bürgerrechtler Till Böttcher (20), Frank Ebert (20), Christian Halbrock (26), Reinhard Schult und Tom Sello beteiligt sind, wird die dauerhafte Öffnung der Stasi-Aufzeichnungen für Bürger und Forscher erwirkt.



Zitierempfehlung: „Besetzung der Stasi-Objekte“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=216

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