Leipzig

Immer wieder montags: Über 70.000 Menschen beteiligen sich am 9. Oktober 1989 an der Montagsdemonstration in Leipzig. Foto: Stringer, Quelle: AP

Die Leipziger Montagsdemonstrationen sind zu Recht zu einem Synonym für den Aufstand eines Volkes gegen seine Regierung geworden. Aus den seit 1981 in Leipzig stattfindenden Friedensgebeten entwickelt sich 1989 eine starke Oppositionsbewegung gegen die SED-Herrschaft. Leipzig ist die erste Stadt der DDR, in der so viele Menschen auf die Straße gehen, um für eine grundlegende Wandlung des politischen Systems zu demonstrieren.

Dass die Revolution später zum größten Teil friedlich verläuft, ahnt zu Beginn der Montagsdemos im September 1989 noch niemand. Hundertschaften von Polizei und Stasi stehen jeden Montag bereit und warten auf den Einsatzbefehl. Jederzeit kann es zur offenen Konfrontation kommen, jederzeit kann Blut fließen. Die Massaker der chinesischen Armee an den demonstrierenden Studenten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens vom 3. und 4. Juni 1989 sind allen in schlimmer Erinnerung.

Der Mut der ersten 600 Demonstranten am 4. September 1989 kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. (Unter ihnen ist auch Uwe Schwabe, der im Zeitzeugen-Interview von den revolutionären Zeiten in Leipzig berichtet.) Das harte Durchgreifen der Sicherheitsorgane am darauffolgenden Montag, dem 11. September, bestätigt dies. Insgesamt 89 Demonstranten werden an diesem Tag festgenommen, und 19 von ihnen zu Haftstrafen bis zu einem halben Jahr und Geldstrafen bis zu 10.000 Mark verurteilt. Und das bei einem Durchschnittseinkommen von circa 1.000 Mark. Kaum einer der Verhafteten ist älter als 30 Jahre. Unter den Festgenommenen sind zwei Mitglieder der Initiativgruppe Leben und ein Mitglied des Arbeitskreises Gerechtigkeit. Einige der 19 kommen erst fünf Wochen später wieder aus dem Gefängnis – nach dem Rücktritt des DDR-Staatschefs Erich Honecker.

Am 18. September 1989 versammeln sich schon während des Gottesdienstes, den fast 2.000 Menschen besuchen, mehr als 1.000 Leute vor der Leipziger Nikolaikirche. Die Teilnehmerzahlen steigen von Woche zu Woche, was laut Rainer Müller und Uwe Schwabe auch auf den festen Treffpunkt zurückzuführen ist: immer montags in der Nikolaikirche. Am 25. September sind es 8.000 Menschen, die in einem Demonstrationszug auf dem Ring um die Leipziger Innenstadt ziehen. Der Zug führt direkt an der Bezirksverwaltung der Stasi in Leipzig, der Runden Ecke, vorbei.

„Wir bleiben hier!“, „Wir wollen raus!“, „Wir bleiben hier!“

Am 9. Oktober 1989, zwei Tage nach den offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Republikgeburtstag, versammeln sich rund 70.000 Menschen um die Leipziger Nikolaikirche. Ein Eingreifen der bereitstehenden Polizei-Hundertschaften würde zur Eskalation der Gewalt führen. Doch nach einiger Zeit ziehen sich die Polizisten in ihre Mannschaftswagen zurück und räumen das Feld. Rainer Müller und seine Mitstreiter feiern. (Über die Leipziger Montagsdemos berichtet Rainer Müller im Zeitzeugeninterview.)

Ein Stasi-Offizier gibt später zu Protokoll: „Am 9. Oktober überstieg ja erstmals die Zahl der Demonstranten alles, was man erwartet hatte. Selbst das, was wir nach den Berliner Ereignissen [gemeint sind die Demonstrationen am 7. Oktober] im Ministerium für Staatssicherheit erwartet hatten, wurde auf eine eindrucksvolle, für uns damals beängstigende Art und Weise übertroffen. Noch nie sah man in der DDR so viele Menschen mit einer so eindeutigen Ausrichtung gegen das Herrschaftssystem.“

An diesem Tag setzt sich die Bevölkerung erstmals auf offener Straße dem Staat gegenüber durch. Leipzig wird in den folgenden Wochen und Monaten in der DDR-Bevölkerung nur noch als Heldenstadt bezeichnet.

Nur wenige Wochen später, am 4. Dezember 1989, ist die Macht in den Händen des Volkes. Während der Montagsdemonstration dringen Teilnehmer in die Stasi-Bezirkszentrale, die Runde Ecke, ein und besetzen sie. Damit verhindern die Bürgerrechtler die weitere Vernichtung von Akten durch die Stasi, die so nicht noch mehr Zeugnisse ihrer Untaten vernichten kann.

Artikel versenden  | Artikel kommentieren | Druckversion

zum Seitenanfang
Uwe Schwabe - Die Leipziger Montagsdemonstrationen
Rainer Müller - Die Leipziger Montagsdemonstrationen
Uwe Schwabe - Der Tag der Entscheidung
ARD: Die Montagsdemo am 4. September wird zum Aufmacher der Tagesschau
Kontraste-Bericht: Die Leipziger Montagsdemo am 4. September 1989
Radio Glasnost: Jochen Lässig berichtet von der Montagsdemonstration am 11. September 1989 in Leipzig
Radio Glasnost: Interview mit Kathrin Hattenhauer aus Leipzig