Der Weg an die Öffentlichkeit – Radio Glasnost und Siebdruck

Die Kamera hat er von Roland Jahn aus West-Berlin: Siegbert Schefke dokumentiert den Städtezerfall und die zunehmende Umweltverschmutzung in der DDR. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Aram Radomski

Die staatlich kontrollierten und zensierten DDR-Medien berichten mit keinem Wort über systemkritische Themen. Was verbreitet wird und was Meinung ist, definiert die SED. Um die totale Kontrolle über die Öffentlichkeit zu erlangen, lenkt und kontrolliert die Partei alle Medienbereiche: Presse, Rundfunk und Fernsehen. Im politischen Strafrecht der DDR existieren Paragraphen, die freie Meinungsäußerung strafrechtlich unter Generalverdacht stellen.

Das Sammeln staatskritischer Nachrichten und Informationen steht unter Strafe. Trotz dieser ständigen Gefahr versuchen Oppositionsgruppen, öffentlichkeitswirksame Gegenstrategien zu entwickeln und der einseitigen Berichterstattung der DDR-Führung ausgewogenere Informationen entgegenzusetzen.

In den 1950er Jahren ermöglichen die durchlässigen Sektorengrenzen in Berlin noch einen intensiveren Informationsfluss von West nach Ost. So ist es relativ leicht, die Widerstandsgruppen in der DDR von West-Berlin aus zu unterstützen. Der Mauerbau und die mit ihm verbundene erneute Welle brutaler Verfolgung lässt alte Widerstandsnetzwerke zusammenbrechen.

Der Mauerbau kappt die Unterstützung aus dem Westen

In den 1970er Jahren entwickeln sich neue oppositionelle Bewegungen und Kreise in der DDR, die zunächst kaum oder gar keine Westverbindungen haben. Diskussionen, Lesungen und Ausstellungen finden fast ausschließlich in Privatwohnungen statt. Das Ministerium für Staatssicherheit und die Polizei versuchen, diese Veranstaltungen zu verhindern: Aufwändige Verfahren, Verbote, Einschüchterungen und Kontrollen sind an der Tagesordnung.

In den 1980er Jahren sammelt sich die Opposition unter dem Dach der Kirche, die eine immer stärkere Anziehungskraft ausübt: Hier gibt es noch ein paar letzte Freiräume. Oppositionellen Netzwerken gelingt es, den legalen Handlungsspielraum der Kirchen zu erweitern.

Zu einem großen Erfolg werden ab 1979 die Bluesmessen in der Berliner Samariterkirche, zu denen jeweils rund 1.000 Jugendliche aus der ganzen DDR strömen. Auch die Friedenswerkstätten in der Berliner Erlöserkirche sind ab 1982 starke Anziehungspunkte für staatskritische Gruppen.

Öffentliche politische Kritik entwickelt sich auch durch die Mail-Art-Bewegung und das Verbreiten von Protestpostkarten. Der 19-jährige Johannes Beleites fertigt 1986 Protestpostkarten zum UNO-Jahr des Friedens und zur Aktion „Mobil ohne Auto“ an. Ein wichtiges Zentrum der Mail-Art ist Dresden. Die kreativen Akteure spielen mit satirischen und zweideutigen Drucken auf Zensur, auf Polizeiüberwachung und Mauer an. Sie benutzen einfachste Techniken wie Sieb- und Stempeldruck, Collagen, Schablonenmalerei und Fotomontagen. Die Postkarten werden auf Werkstätten, Bluesmessen und Friedensgottesdiensten unter die Leute gebracht. Interessierte können sogar lernen, sie selbst herzustellen.

Durch das Verbreiten von Informationsblättern im Samisdat (russisch: Selbstverlag) wagt die Opposition einen weiteren Schritt an die Öffentlichkeit. Kritische und verbotene Literatur wird mit einfachen Methoden vervielfältigt und von Hand zu Hand weitergegeben. Vor allem werden selbst verfasste Texte verteilt. So diskutieren Jugendliche über etliche Themen, die in den staatlichen Medien niemals zur Sprache kommen.

Unzensierte Protestpostkarten, Samisdat und Tabuthemen

Dem Bedürfnis nach mehr und unzensierter Information versuchen ab Mitte der 1980er Jahre die neu gegründeten Umwelt-Bibliotheken gerecht zu werden. Diese Bibliotheken verfügen über meist westliche, verbotene oder unerwünschte Bücher. Sie bieten Broschüren und Infohefte zu Friedens- und Umweltproblemen an – Publikationen, die heimlich von den DDR-Oppositionsgruppen in Umlauf gebracht werden. Zudem werden Lesungen, Vorträge und Ausstellungen organisiert. Die bekannteste Einrichtung dieser Art ist die im Jahr 1986 in der Zionskirchgemeinde Berlin gegründete Umwelt-Bibliothek.

Erreichen die inoffiziell verbreiteten Publikationen nur wenige Menschen, so sind Rundfunk und Fernsehen aus dem Westen fast in jedem DDR-Haushalt zu empfangen. Die meisten DDR-Bürger verfolgen abends aufmerksam die Berichte aus dem Westen und diskutieren sie am nächsten Tag am Arbeitsplatz. Besonders gefragt sind die TV-Politmagazine von ARD und ZDF sowie die Radiomeldungen von Deutschlandfunk, RIAS oder Hundert,6.

Der bekannte Regimekritiker Robert Havemann, aber auch die Jenaer Friedensgemeinschaft machen über diesen Weg ihre Positionen publik. Langfristig organisierte, teils spektakuläre Aktionen, wie die Schweigedemonstration an der Dresdener Frauenkirche 1982, gewinnen mit westlicher Medienunterstützung an Bedeutung (über die Schweigedemonstration berichtet beispielsweise der Deutschlandfunk). So entsteht eine völlig neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen Ost und West: Oppositionelle in der DDR schmuggeln Informationen aus dem Land und nutzen kontinuierlich die freien Medien im Westen.

Plötzlich werden oppositionelle Themen, Publikationen und Personen über die Westmedien DDR-weit bekannt. Bislang verschwiegene oder offiziell verbotene Themen erreichen nun einen großen Teil der DDR-Bevölkerung. Die immer enger werdende Verbindung zu einigen Journalisten der Bundesrepublik ermöglicht der kleinen Oppositionsbewegung einen enormen Bedeutungszuwachs.

Oppositionelle spielen den Westmedien Informationen zu

Eine neue Qualität wird 1987 mit der Gründung von Radio 100 in West-Berlin erreicht. Auf dieser Welle wird einmal im Monat Radio Glasnost gesendet. Radio Glasnost kündigt Veranstaltungstermine der DDR-Opposition an, verbreitet Informationen über deren Arbeit und stellt die Positionen einzelner Gruppen dar. Mit Redebeiträgen und Interviews, die illegal in Ost-Berlin aufgenommen und dann über die Grenze geschmuggelt werden, erhält die DDR-Opposition 1987 eine eigene Stimme.

Als noch wirkungsvoller, weil nahezu flächendeckend, erweisen sich die Fernsehberichte. Eine wichtige Kontaktperson in West-Berlin ist Roland Jahn, der unter anderem Druckmaschinen für die Oppositionsgruppen besorgt. Er stattet Aram Radomski und Siegbert Schefke mit Videokameras und Kassetten aus. Deren illegal gefilmte Beiträge über Umweltverschmutzung und Städteverfall in der DDR sind im ARD-Magazin „Kontraste“ zu sehen und kommen so in die Wohnzimmer der DDR.

Über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Opposition, eine Gegenöffentlichkeit in der DDR zu erzeugen, berichten Aram Radomski und Roland Jahn im Zeitzeugen-Interview. Auch Frank Ebert erzählt in einem Videobeitrag über seine Verhaftung, die schon 30 Minuten später über Radio 100,6 bekannt gegeben wird. Diese Meldung bewirkt seine schnelle Freilassung.



Zitierempfehlung: „Der Weg an die Öffentlichkeit - Radio Glasnost und Siebdruck“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=193

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