40-Quark-Schein

Geburtstagsgeschenk der Opposition zum 40. Jahrestag der DDR (1989): der 40-Quark-Schein. Vorne ist der sowjetische Diktator Stalin abgebildet, hinten ein durch Waldsterben entnadelter Wald. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR gerät in Ost-Berlin eine neue Währung in den Umlauf. Der Geldschein hat den beidseitigen Aufdruck „40 Quark – 40 Jahre Ruhe Ordnung Sicherheit“. Wer genauer hinschaut, erkennt, dass er im Siebdruck produziert wurde.

Die Vorgeschichte: Im April 1989 fahren einige ostdeutsche Pazifisten, die sich im Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer organisiert haben, nach Breslau. Mit dabei Mario Albrecht (25), Michael Heinisch (25) und Uwe Gottschling (23). Sie treffen sich mit Vertretern der Solidarnosc und der pazifistischen Bewegung Wolnosc i Pokoj (polnisch für Freiheit und Frieden). Die Jugendlichen aus der DDR wollen von den Erfahrungen der polnischen Opposition lernen. Wie kann man Flugblätter und andere Schriften an der staatlichen Zensur vorbei herstellen? Für den Juni 1989 wird ein Drucklehrgang verabredet.

Die Spaßguerilla schlägt zu: Systemkritik kann auch witzig sein

Vertreter der Orange Alternative (im Polnischen Pomaranczowa Alternatywa), einer 1983 in Breslau gegründeten anarchistischen Gruppe, weisen Mario Albrecht, Michael Heinisch und Uwe Gottschling in das einfache Verfahren des Siebdrucks ein. Angeregt von den Spaßguerilla-Aktionen der Orange Alternative, die politische Happenings organisiert und riesige orangefarbene Graffiti mit Forderungen wie „Freiheit für den Nikolaus“ anbringt, fahren die Jugendlichen zurück in die DDR.

Die Drucksiebe für den 40-Quark-Schein stellt Mario Albrecht in der häuslichen Dunkelkammer, den Lichtsatz Uwe Gottschling an seiner Arbeitsstelle her. Für den Druck wird eine leer stehende Hinterhauswohnung in der Münzstraße in Ost-Berlin ausgewählt. Teile der Druckutensilien werden aus Polen gespendet.

Auch Martin Hartkopp (27), Thomas Kittlas und Stefan Müller (23) helfen beim Herstellen und Verteilen der insgesamt 2.600 Exemplare. Es ist ihr Beitrag zum 40. Jahrestag der DDR, und das ist auch im Oktober 1989 noch gefährlich. Olaf Stabs wird beim Verteilen festgenommen und kommt erst mit dem Sturz des DDR-Regimes wieder frei.



Zitierempfehlung: „40-Quark-Schein“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2010, www.jugendopposition.de/index.php?id=1453

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