Samisdat

Druckmaschine der Umwelt-Bibliothek Berlin. Auf dieser Wachsmatrizenmaschine werden die Umweltblätter und andere Schriften gedruckt. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke

In den 1950er Jahren versuchen DDR-Oppositionelle noch, Bücher, Zeitschriften und Flugblätter in Westdeutschland zu drucken, vor allem in West-Berlin. Von dort aus werden sie heimlich und unter großem Risiko in die DDR gebracht. Nach dem Mauerbau lassen sich solche Schriften kaum noch einschleusen. Trotz des rücksichtslos durchgesetzten Anspruchs der SED auf vollständige Medienkontrolle gibt es in der DDR immer wieder Versuche, das staatliche Kommunikationsmonopol zu durchbrechen.

Alle per Hand und Schreibmaschine geschriebenen, per Abzugsgerät, Fotokopierer oder Computerdrucker hergestellten Schriften ohne staatliche Genehmigung werden mit dem russischen Begriff „Samisdat“ (Selbstverlag) bezeichnet. „Man schreibt selbst, man redigiert selbst, man zensiert selbst, man verlegt selbst, man verteilt selbst, und man sitzt auch selbst die Strafe dafür ab“, erklärt der russische Dichter Wladimir Bukowski. Dabei wirkt der Samisdat weniger durch seine Auflagenhöhe als dadurch, dass sich Teile der Gesellschaft sichtbar von den Zwängen der Diktatur befreien.

Die Untergrundzeitschriften haben zunächst nur kleine Auflagen

In den 1960er und 1970er Jahren beschränkt sich das inoffizielle Schrifttum der DDR überwiegend auf Schreibmaschinendurchschläge und auf vereinzelte, mit primitiven Mitteln hergestellte Flugblätter. Es kursieren wenige regimekritische Texte und Gedichte. Ihre Zahl nimmt in Krisensituationen leicht zu, zum Beispiel nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei im Jahr 1968. Oder 1976 nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann.

Anfang der 1980er Jahre gelingt es der Arbeitsgruppe Umweltschutz beim Stadtjugendpfarramt Leipzig, mit den Streiflichtern eine regelmäßige Publikation herauszugeben. Später erscheinen im ganzen Land mehrere solcher Blätter. Sie sind allerdings nicht vergleichbar mit dem, was wir heute unter einer Zeitschrift verstehen. Selbst jedes Fanzine ist aufregender produziert. Aber für DDR-Verhältnisse handelt es sich um einen Quantensprung – um die Anfänge einer inoffiziellen Publizistik, mit der sich die Opposition in der DDR ein eigenes und öffentliches Forum schafft. Ein gewagter Anspruch in einer Diktatur.

Diese freien Blätter enthalten nicht nur Informationen, die von den Machthabern verschwiegen werden, sondern vor allem konkrete Erfahrungsberichte. Die inoffiziellen Redakteure schildern unangepasstes Verhalten und Aktionen von Gruppen und Einzelpersonen. Bis 1989 erscheinen fast 190 Zeitschriften im Samisdat.

Zu den Blättern, an deren Herstellung oft Jugendliche beteiligt sind, gehören die Leipziger Streiflichter, bei denen ab 1987 der 22-jährige Roland Quester mitwirkt. In Ost-Berlin erscheinen der grenzfall und die Umweltblätter. Dirk Moldt (22) publiziert ab 1985 mit Freunden den mOAning star, ab 1987 ist daran Silvio Meier (22) beteiligt. Von der Jungen Gemeinde (JG) Greifswald werden die Gehversuche herausgegeben, in Rudolstadt der Friedensreader. In Zittau erscheint 1989 die Lausitzbotin.

Der Aufwand ist beträchtlich. In der DDR gibt es für systemkritische Positionen keinen legalen Zugang zu Druckereien. Und wer illegal druckt, kann strafrechtlich belangt werden. In Betrieben und Behörden stehen die wenigen Kopiergeräte, die es gibt, unter strenger Aufsicht. Auch Computer und Drucker sind rar gesät. Bis in die frühen 1980er Jahre ist man deshalb auf Schreibmaschine, Siebdruck oder Fotoabzüge angewiesen.

Samisdat: Drucken ist illegal, Papier Mangelware

Wer einen harten Anschlag hat, schafft mit einer Schreibmaschine maximal neun Durchschläge. Erfolgreicher sind die, die sich einen Zugang zu den seltenen Vervielfältigungsgeräten in den Kirchengemeinden verschaffen. Mit einem Ormig-Gerät können im günstigen Fall 200 Abzüge von einer Matrizenvorlage angefertigt werden. Ab Mitte der 1980er stehen einige wenige Vervielfältigungsgeräte auf Wachsmatrizenbasis zur Verfügung, die von Sympathisanten aus dem Westen eingeschmuggelt wurden. Mit diesem Verfahren können 1.500 Blätter von einer Matrize abgezogen werden.

Nicht nur die Hardware ist schwierig zu beschaffen. Papier, Matrizen, Druckfarbe, Heftklammern und Tacker sind Mangelware in der DDR. Außerdem macht man sich verdächtig, wenn man auf Großeinkauf geht. Hier geht nichts ohne Unterstützung aus dem Westen, und das Papier besorgen oft die Leser, indem sie jeweils in kleinen Mengen sämtliche Vorräte der Schreibwarenläden des Landes aufkaufen.

Die meisten Zeitschriften versieht die Opposition pro forma mit dem Vermerk „Nur für den innerkirchlichen Gebrauch“. Damit unterliegen sie nur eingeschränkt der staatlichen Zensur. Die Kirchen berufen sich auf die Druckgenehmigungsanordnung von 1959, die Vervielfältigungen „für den inneren Dienstgebrauch“ von der staatlichen Genehmigungspflicht ausnimmt. Nur wenige Redaktionen (zum Beispiel der grenzfall und der mOAning star) haben den Mut und die technischen Möglichkeiten, unabhängig von der Kirche zu agieren.

Die „Hetzblätter“ entstehen unter dem Schutz der Kirche

Anfangs werden die Blätter nur im Umfeld der jeweiligen Gruppe verbreitet und an wenige Kontaktpartner in anderen Städten verschickt. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre tauchen sie auf vielen kirchlichen Veranstaltungen auf. In der Umwelt-Bibliothek (UB) Berlin wird ein Verteiler mit zum Schluss knapp 200 Leuten eingerichtet. Im ARD-Beitrag „Glasnost von unten – Drang nach Pressefreiheit“ stellt der Journalist Peter Wensierski im August 1987 einige Publikationen vor. Damit erfährt erstmals ein breiteres Publikum etwas über die Zeitschriften des Untergrunds.

Zum bekanntesten Einsatz des Staates gegen die inoffizielle Publizistik wird die Durchsuchung der UB im November 1987. Bei der Aktion, die die Stasi unter dem Namen „Falle“ laufen lässt, werden die Druckmaschinen der Zeitschriften grenzfall und Umweltblätter beschlagnahmt und die Drucker verhaftet. In anderen Städten bekommen die Herausgeber des Samisdat Ordnungsstrafen in Höhe von mehreren Tausend Mark.

Trotz all dieser Eingriffe gelingt es dem Staat nicht, die Macher der Untergrundpublizistik in den Griff zu bekommen. Vielmehr führen die Repressalien zu neuen Solidaritätsaktionen sowie zu immer mehr Mut und Konfliktbereitschaft.



Zitierempfehlung: „Samisdat“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2008, www.jugendopposition.de/index.php?id=1448

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Radio Glasnost: Samisdat in der DDR