Material zum Fall Ossietzky-Schule


Aufruf zur Solidarität mit den Schülern der Carl-von-Ossietzky-Schule (1988). Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft


Im Herbst 1988 werden drei Schüler und eine Schülerin der Erweiterten Oberschule im Berliner Stadtteil Pankow, die den Namen des Pazifisten und Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky trägt, auf Anweisung des Ministeriums für Volksbildung von der Schule verwiesen. Sie werden "relegiert" - was bedeutet: kein Abitur, kein Studium, Ausschluss aus der FDJ. Vier weitere Schüler werden an andere Schulen versetzt oder erhalten einen Verweis. Der Grund: Sie veröffentlichen Ihre Meinung zu den Streiks in Polen und sammeln Unterschriften gegen eine Militärparade. Auf die nach ihrer Rehabilitierung an die betroffenen Schülerinnen und Schüler gestellte Frage, was für sie "Wiedergutmachung" bedeuten könnte, lautet eine der Antworten: "Ich weiß nicht, ob man so was aus dem Gedächtnis streichen kann. Sicherlich nicht. Man sollte bloß diese Sache, ... diese weißen Flecken, die wir in unserer Geschichte haben, unbedingt aufarbeiten."

 

Am "Fall Ossietzky-Schule" lassen sich exemplarische Einblicke gewinnen in das gesellschaftlich-politische System der DDR, in Apparate und Hierarchien des SED-Staates vor dem Umbruch, in politische Entscheidungsverläufe und in Verantwortlichkeiten des ideologisch geprägten, autoritären Bildungssystems. Im Unterschied zu spektakulären Fällen repressiver Maßnahmen gegen oppositionelle Bürger durch Erpressung, Haft oder Ausweisung werden im vorliegenden Fall Unterdrückungsmechanismen im Alltag des SED-Staates aufgezeigt. Die Fallstudie regt an zur Reflexion über Handlungsmöglichkeiten einzelner oder von Gruppen, die für Veränderungen und gegen Ungerechtigkeiten in einem totalitären Staat durch Machtmißbrauch der Administration eintreten wollen, sowie über die Bedingungen für die Entwicklung von Zivilcourage im Alltag. Herausgefordert wird damit auch die Fragestellung nach dem möglichen eigenen Beurteilen, Verhalten und Handeln in einer entsprechenden Situation. Leitfaden und Dokumentenband ermöglichen ein vertieftes Verständnis, weil die Vorgänge von den Beteiligten selbst aufgearbeitet werden. Eine zentrale Bedeutung nehmen hier die Interviews ein, in denen die Beteiligten selbst zu Wort kommen.

 

Downloads

Tilman Grammes, Ari Zühlke: Ein Schulkonflikt in der DDR. Leitfaden zum Dokumentenband, Arbeitshilfen für die politische Bildung, Bonn 1992.


Tilman Grammes, Ari Zühlke: Ein Schulkonflikt in der DDR. Dokumentenband, Arbeitshilfen für die politische Bildung, Bonn 1992.